… und die Politik

Das politische Spiel

Der Mensch hat Wünsche und Ziele. Um ein Ziel zu erreichen, muss man einen Weg dahin finden. Man muss entscheiden, mit welchen Mitteln man das Ziel erlangen kann. Nehmen wir einmal an, das zwei „Parteien“ über miteinander vereinbare und unvereinbare Mittel und Ziele verfügen können. Hier kann man ganz einfach eine Tabelle aus der Spieltheorie anwenden, die schon in Abschnitt 3.3 behandelt wurde [Gha11]:

Wenn beide Parteien die gleichen Ziele haben und beide die gleichen Mittel verwenden möchten, gibt es natürlich keine Schwierigkeiten und sie können kooperieren. Wenn sie das gleiche Ziel mit unterschiedlichen Mitteln erreichen wollen, stehen sie im Wettbewerb miteinander. Wenn sie mit den gleichen Mitteln ein unterschiedliches Ziel verfolgen, können sie eine Koalition bilden. Einen richtigen Konflikt gibt es nur, wenn sowohl Mittel als auch Ziel unvereinbar sind. Dieser Konflikt wiederum führt zu einem neuen Nullsummenspiel ähnlich dem „Gefangenendilemma“ oder der „Hirschjagd“ aus Abschnitt 3.3. Allerdings gibt es in der Politik auch noch die Möglichkeit den Konflikt in ein Nicht-Nullsummenspiel umzuwandeln, indem man von Mitteln und Zielen abrückt und Kompromisse ausarbeitet. Hier können beide Parteien dann eine Win-Win-Situation ausarbeiten.

Als Karl Marx „Die Geschichte … ist eine Geschichte von Klassenkämpfen“ schrieb, hat er diese ganzen Möglichkeiten übersehen und die Geschichte der Menschheit auf einen Konflikt mit einem Nullsummenspiel reduziert.

Individuelle und ökonomische Freiheit

Das Wort Freiheit wird im Alltag meistens benutzt, um die Rechte des Individuums auszudrücken: Die Freiheit der Rede, die Freiheit des Wortes oder Reisefreiheit. Es ist die individuelle Freiheit. Jeder kann sein Leben so leben wie er möchte, solange keine anderen zu Schaden kommen.

Die ökonomische Freiheit wiederum ist die Möglichkeit, wirtschaftlich frei zu agieren. Wie leicht ist es ein Unternehmen zu gründen? Wie viele Gesetze muss man dazu kennen? Welche Steuern fallen an und wie hoch sind diese? In manchen Orten im Wilden Westen der USA im 19. Jahrhundert reichte es aus, ein Schild zu malen auf dem „FRISÖR“ stand und in das Fenster auf die Straße raus zu hängen. Und schon war man selbständiger Frisör. Da gab es das „right to earn a living“. Vorausgesetzt natürlich, dass dann auch genügend Kunden kamen. Der Merkantilismus des Mittelalters hingegen war wirtschaftlich unfrei. Um ein Frisör zu werden, musste man erst einer Zunft beitreten und mit jahrelanger Mitgliedschaft und viel gutem Willen der anderen Zunftmitglieder eine „Lizenz“ ergattern. Der amerikanische Mythos „vom Tellerwäscher zum Millionär“ hängt von diesem Recht ab, ein Unternehmen gründen zu können. Denn irgendwo auf dem Weg vom Tellerwäscher zum Millionär muss man sich selbständig machen können.

Mit diesen beiden Freiheiten kann man die üblichen politischen Richtungen auf der folgenden Skizze ganz grob einordnen:

In der Politik gibt es in den meisten Ländern zwei Richtungen: eine „Progressive“ (sozialdemokratisch, grüne oder linke) und eine „Konservative“. Die „Progressiven“ sind in der Regel für mehr individuelle Freiheiten, wie z. B. Ehe für Homosexuelle, Religionsfreiheit und „alternative“ Lebensarten, während die „Konservativen“ den traditionellen Lebensentwurf mit Hochzeit und Kindern bevorzugen. Ökonomisch sind wiederum die „Konservativen“ für weniger Regulierung der Wirtschaft als die „Progressiven“, die die Wirtschaft möglichst umfassend regulieren wollen. Ein Extrem nach dieser Darstellung ist der Sozialismus, der nicht auf dem Individuum, sondern auf dem Kollektiv beruht. „Sozial“ in „Sozialismus“ kommt nicht von „sozial gerecht“, sondern von „Gemeinschaft“. Nicht das Individuum entscheidet, sondern das Kollektiv. Wer jetzt genau den „Willen“ des Kollektivs bestimmt, ist je nach Variante des Sozialismus verschieden. Beim real existierenden Sozialismus der Sowjetunion war es die Partei bzw. der bürokratische Staatsapparat, während es bei anarchistischen Varianten Arbeiterräte oder Syndikate sein sollen [Mue84]. Das Individuum selber kann aber nicht entscheiden.

Unter die ökonomische Freiheit fällt auch das Recht auf Eigentum. Beim Eigentum kann man zwischen Konsumgütern und Produktionsmitteln unterscheiden. Im Kommunismus sollen laut Karl Marx die Produktionsmittel „vergesellschaftet“ werden. Die Sozialisten nach Karl Marx haben dieses als „Verstaatlichung“ interpretiert. Ein großes Problem ist, das die Grenze zwischen Konsumgut und Produktionsmittel fließend ist. Es ist daher nicht einfach zu entscheiden, wann etwas verstaatlicht werden soll und wann nicht. Das gibt den mit dieser Aufgabe betrauten Beamten eine ungeheure Macht. Wenn ein Musiker auf einer Gitarre ein Lied spielt und nichts dafür bekommt, ist die Gitarre ein Konsumgut und sein Eigentum, wenn er aber eine Bezahlung bekommt, sei es ein Bier, ein Abendessen oder Geld, dann ist es ein „Produktionsmittel“ zur Erstellung von „Unterhaltung“. Demnach würde man die Gitarre verstaatlichen müssen. Über die Verteilung der Gitarren würden Beamte in einer Art „Musikministerium“ entscheiden. Wundert sich da jemand, warum in den 70er- und 80er-Jahren die besten Punk-Bands aus Großbritannien und den USA kamen und nicht aus dem Ostblock? Weil die Musikindustrie nicht verstaatlicht war! Im Gegenteil: In einer Marktwirtschaft konnten Menschen, die mit der von der etablierten Musikindustrie produzierten Musik unzufrieden waren, mit etwas Geld eigene Plattenlabels gründen. Es entstanden sog. „Independent-Labels“, die die „Alternative“-Sparte geprägt haben. Ohne Privateigentum und das Recht ein Unternehmen zu gründen, wie z. B. ein Plattenlabel, einen Plattenladen, ein Fanzine, einen Mail-Order-Versand oder eine Webseite, wäre die Musikkultur wesentlich ärmer und manche Musikrichtungen wären evtl. gar nicht entstanden. Vergleichbares lässt sich auch über die Independent-Computerspiele sagen. Musiker, Buchautoren, Computerspielentwickler und andere Kreative sind in einem gewissen Sinn auch „Entrepreneure“.

Wichtig: Die Wirtschaft und die Gesellschaft benötigen Innovationen, diese stammen von Entrepreneuren und diese wiederum benötigen ein hohes Maß an individueller und ökonomischer Freiheit.

Das Finanzsystem

Das heutige Finanzsystem ist ein sehr komplexes System, teilweise wohl sogar chaotisch. Finanzsysteme spielen eine wichtige Rolle in der Wirtschaft [Fer08]. Das heutige Finanzsystem ist – wie das restliche Wirtschaftssystem auch – eine Mischung aus Markt und staatlicher Planwirtschaft.

Es fängt beim Geld an: in vielen Ländern ist es ein staatliches Monopol. Der U.S. Dollar, der Euro oder die Deutsche Mark werden bzw. wurden von Staaten kontrolliert. Dieses geschieht aus Gründen der Staatsfinanzierung, damit die Staaten leichter Schulden machen können und z. B. das Militär und Kriege finanzieren können. In Abschnitt 4.2 wurde beschrieben, das sich der Herzog von Wellington und der preußische König Friedrich Wilhelm III. während der Napoleonischen Kriege (1792 - 1815) bei den Rothschild’s Geld leihen mussten, um den Krieg zu finanzieren. Das ist mit dem heutigen Finanzsystem nicht mehr notwendig. Das Staatsmonopolgeld könnte man auch als „top-down“-Geld bezeichnen. „Marktgeld“ hingegen bildet sich auf freiwilliger Basis „bottom-up“. Es gibt z. B. Menschen die Silber- und Goldmünzen sammeln. In Notzeiten werden auch andere seltene Waren, wie z. B. Zigaretten als Währung benutzt.

Der nächste wichtige Punkt ist die Eigenkapitalquote von Banken, mit der die Banken aus dem Nichts Geld schöpfen können [Fer08, May14]. Ganz vereinfacht dargestellt: Wenn jemand 100,- Euro bei einer Bank einzahlt, kann die Bank bei einer Eigenkapitalquote von 10% 90,-Euro weiterverleihen und muss nur 10,- Euro als Sicherheit hinterlegen. Auf dem Papier entstehen so 100,- Euro Forderung des Sparers und 90,- Euro des Kreditnehmers. Wenn die 90,- Euro bei einer anderen Bank eingezahlt werden, muss diese Bank wiederum mindestens 9,- Euro als Eigenkapital sichern und kann 81,- Euro weiterverleihen. Dieses kann so mehrfach weitergeführt werden und wird Kreditexpansion genannt. Hier sind jetzt unterschiedliche Geldmengen entstanden: M0 ist gleich 100,- Euro und M1 = 100 + 90 + 81 = 271,- Euro. Von diesen 271 Euro, die in der Wirtschaft jetzt im Umlauf sind, gibt es aber nur 100 wirklich. Hier entsteht Geld aus der Luft und die Gesellschaft denkt, sie wäre reicher als sie eigentlich ist. Außerdem ist das System auch noch fragil: Was passiert, wenn der erste Kunde seine 100,- Euro zurückhaben möchte? Die erste Bank muss sich die 90,- Euro zurückholen, wenn es nicht genügend Eigenkapital hat. Die Bank darauf muss die 81,- Euro zurückholen, usw. Dann gibt es eine Kette von „Bank runs“ und das System bricht zusammen.

Ein weiterer Punkt wäre, dass man zwischen Aktivgeld und Passivgeld unterscheiden muss. Wenn man Geld aus der „normalen“ Perspektive betrachtet, denkt man, hinter einem 100,- Euro Schein würden Güter im Werte von 100,- stehen. Den Geldschein gibt es, weil er irgendwo mit 100,- Euro in Gütern oder in Gold „gedeckt“ sei. Solch ein „gedecktes“ Geld wäre Aktivgeld. Die heutigen Geldsysteme sind aber „Passivgeld“. Hinter jedem Geldschein steckt eine „Schuld“, ein Zahlungsversprechen der Zentralbank bzw. im Endeffekt des Staates. Der ehemalige Chefsvolkswirt der Deutschen Bank Thomas Mayer z. B. argumentiert in seinem Buch „Die neue Ordnung des Geldes: Warum wir eine Geldreform brauchen“ für ein neues Geldsystem [May14].

Wichtig: Das heutige Finanzsystem wird auch innerhalb der Wirtschaftswissenschaften stark kritisiert.

Ein weiteres planwirtschaftliches Element ist die Festsetzung des „Leitzins“. Wenn Banken Geld benötigen, können sie es sich bei der Zentralbank leihen. Der Zinssatz für dieses Leihen wird „Leitzins“ genannt und wird von den Zentralbanken festgelegt. Er ist in den USA und der EU in den letzten Jahren auf historisch niedrigen Ständen von unter 1%. Für Banken ist es also in letzter Zeit leicht, an Geld zu kommen. In den Medien wird hier oft von „Wirtschaft ankurbeln“ oder „stimulieren“ geredet. Zinsen drücken aber das Verhältnis von Zukunft und Gegenwart aus, bilden sich in einer Marktwirtschaft normalerweise „bottom-up“ und können eigentlich nicht „top-down“ geplant werden. In den deutschen Medien war in den Jahren 2014 und 2015 auch öfters zu lesen, dass die Euro-Zone unterschiedliche Leitzinsen benötigen würde, da die Wirtschaft in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich war. Ein zu niedriger Leitzins kann die Wirtschaft überhitzen, ein zu hoher Leitzins kann sie einfrieren.

Wichtig: Das heutige Finanzsystem ist ein Rest Marktwirtschaft in einem planwirtschaftlichen Rahmen, der von den Staaten und den angeschlossenen Zentralbanken kontrolliert wird.

Von diesem System profitieren die Staaten, die die Zinsen ihrer Schulden mit dem „billigen Geld“ tilgen und sich neu verschulden können („umschulden“) und die Banken, die sich für einen niedrigen Zinssatz Geld leihen und damit an den Aktienmärkten „zocken“ können. Ein Steigen der Aktienkurse wird in den Medien dann als „Wirtschaftsboom“ verkauft und nicht als Folge der niedrigen Leitzinsen. Wenn diese Politik der Niedrigzinsen auf Dauer durchgeführt wird, kann das bisher unbekannte Konsequenzen nach sich ziehen, wie z. B. Wirtschaftskrisen und Hyperinflation [Mis49, DMW15].

Die 68er-Rockband Ton Steine Scherben sang damals „Wer das Geld hat, hat die Macht und wer die Macht hat, hat das Recht!“. Und damals nahmen die 68er an, dass das Kapital in den Händen der „Reichen“ und der „Kapitalisten“ war. Aber: Das Geld „haben“ die Staaten bzw. die Regierungen. Die Banken werden mitbeteiligt, weil sie die Aufgabe haben, die verschuldeten Staaten mit neuen Krediten zu versorgen.

Wichtig: Wenn Politiker nach einer Finanzkrise behaupten, dass „der Kapitalismus nicht funktioniert“ ist das ein logischer Fehlschluss, weil das heutige Finanzsystem gar nicht „kapitalistisch“ ist.

Markt und Staat

Eine Mischung aus Kapitalismus und Sozialismus

Der Sozialismus kennzeichnet sich durch eine „Verstaatlichung“ der Produktionsmittel aus, während die „reine“ Marktwirtschaft keine staatlichen Einschränkungen beim Besitz und Betrieb von Produktionsmitteln zulässt. Damit gibt es ein ganzes Kontinuum zwischen Sozialismus und Laissez-faire Kapitalismus:

  • Extremer Sozialismus: Alle Produktionsmittel verstaatlicht
  • Sozialismus: Der „wichtigsten“ Produktionsmittel verstaatlicht, nur einige wenige frei
  • Soziale Marktwirtschaft: einige Teile der Industrie verstaatlicht oder kartellisiert
  • Minimalstaat: Nur die Sicherheit und die Verteidigung sind verstaatlicht
  • Laissez-faire Kapitalismus: Alles in privater Hand

Heute gibt es in den meisten Ländern regulierte Märkte und einige verstaatlichte Industrien. Die meisten Menschen in der heutigen Welt leben daher in einem System, das eine Mischung aus Marktwirtschaft und Sozialismus ist. Aber diese „Mischung“ ist je nach Land unterschiedlich. In dem einem Land besteht z. B. ein staatliches Postmonopol, während in einem anderen die Energieversorgung durch den Staat durchgeführt wird. Selbst die Sowjetunion hat 1921 bei der Einführung der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NEP) wieder einen kleinen Anteil Marktwirtschaft zugelassen.

Die „Staatsquote“ ist der Anteil, den die Ausgaben des Staates im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) haben. Heutzutage liegt sie bei den meisten Ländern zwischen 45 und 55%. In Deutschland z. B. lag sie 2014 bei 44% und in Frankreich bei 57%. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl soll mal gesagt haben „bei einer Staatsquote von 50% beginnt der Sozialismus“. Ironischerweise bezeichnen die „Linken“ das augenblickliche Wirtschaftssystem als „Kapitalismus“ [Sch15], während Minimalstaatler es als „Sozialismus“ bezeichnen [Baa10]1.

Wichtig: Die meisten Staaten heute sind eine Mischung aus Marktwirtschaft und Sozialismus. Jedes Land hat da aus historischen Gründen seine eigene Mischung.

Ganz interessant ist aber auch, dass sich die Menschen mit den unterschiedlichen Regulierungen identifizieren. Zum Beispiel gab es in den 90er-Jahren viele Diskussionen um das „Deutsche Reinheitsgebot“ beim Bier. Die Herstellung von Bier war reguliert und bestimmte Zusatzstoffe waren verboten. Die Menschen hatten sich an diese Regulierung gewöhnt und sich damit identifiziert. Damit wurde gegen den Import von Bieren aus anderen Ländern argumentiert. Es entstand eine Art Nationalismus, der seinen Ursprung in der Regulierung der Industrie hatte. In jüngerer Zeit gibt es ähnliche Argumente beim „Chlorhuhn“ aus den USA. Der Einsatz von Chlor ist in der EU bei der Desinfektion von Geflügel verboten, in den USA nicht. Hier entsteht gerade aufgrund der Regulierungen eine Art „EU-Nationalismus“.

Die optimale Mischung?

Welches ist aber die optimale Mischung aus Markt und Staat?

Eine wissenschaftliche Antwort auf diese Frage wurde bisher nicht gefunden. Man müsste erst einmal klären, was „optimal“ hier in diesem Kontext bedeuten soll. Sollen die Menschen möglichst frei sein? Oder möglichst wohlhabend? Sollten alle gleich viel haben? Oder nach ihrer Leistung bezahlt werden? Wenn man sich zumindest auf ein gemeinsames Ziel geeinigt hätte, müsste man dann über die Mittel diskutieren, mit denen man das Ziel erreichen möchte. Geht es ohne Regulierung? Wenn mehrere Regulierungen zur Auswahl stehen, welche ist die bessere? Sollte der Staat nur einen Rahmen schaffen und die Details dem Markt überlassen? Oder soll der Staat alles bis in das kleinste Detail festlegen? Oder braucht man den Staat womöglich gar nicht?

Da es sich bei einer Gesellschaft und der Wirtschaft um ein komplexes System handelt, ist eine wissenschaftliche Beantwortung dieser Fragen bisher nicht möglich gewesen. Die heutigen Erkenntnisse der komplexen Systeme und der agentenbasierten Modellierung sind hierfür auch noch unzureichend. Man könnte heutzutage höchstens philosophisch eine Position beziehen.

Bottom-up vs. Top-down

Mit der Perspektive der komplexen Systeme gibt es zwei unterschiedliche Arten, mit der eine Gesellschaft Normen, Regeln und Gesetze ändern kann:

  • „top-down“: der Staat macht Vorschriften, an die sich alle zu halten haben
  • „bottom-up“: die Gesellschaft entwickelt selber „ungeschriebene“ Gesetze, die später schriftlich festgehalten werden

In komplexen Systemen ist es sehr schwierig, das gewünschte Verhalten einfach durch Vorschriften von oben-nach-unten durchzuführen, weil sich voraussichtlich Teile des komplexen Systems anders verhalten werden als erwartet und es zu unerwünschten Nebenwirkungen kommt (siehe Abschnitt 2.6).

Man hört in Diskussionen im Fernsehen manchmal den Satz „das muss der Staat“ machen. In der Wirtschaft wird zwischen einem „öffentlichen“ Sektor und einem „privaten“ Sektor unterschieden. Der öffentliche Sektor wird vom Staat betrieben und der Private von Unternehmen. Der öffentliche Sektor ist bürokratisch und der private Sektor eher gewinnorientiert (siehe Abschnitt 5.5).

Wenn der Staat mit einer wirtschaftlichen Aufgabe betraut wird, wie z. B. mit dem Postmonopol oder Briefmonopol, dann kann der private Sektor diese Aufgabe nicht übernehmen. Zwischen öffentlichen und privaten Sektor gibt es hier ein Nullsummenspiel [Cas12]. Wie entstehen die Preise für eine solch monopolisierte Dienstleistung? Da es keinen Markt mehr dafür gibt, gibt es auch keine Marktpreise mehr dafür. Dem Monopolisten fehlt die Vergleichsmöglichkeit [Mis49]. Das Wissen über den Betrieb einer solchen Dienstleistung befindet sich in den Händen der Beamten des Staates. Die Frage, ob die gleiche Dienstleistung preiswerter organisiert werden könne, ob es Einsparpotentiale gibt, lässt sich nicht mehr einfach beantworten. Beim Wort „Einsparpotentiale“ muss man auch an den Umweltschutz denken, wie viele Blätter Papier werden z. B. in den Behörden „ver(sch)wendet“. Wie viele Liter Benzin ließen sich mit einer „Flottenoptimierung“ eines staatlichen Briefzustellers sparen? In der Regel kann der private Sektor die Aufgaben nicht mehr anbieten, die der öffentliche Sektor übernimmt. Denn der öffentliche Sektor muss keine Gewinne machen, kann Leistungen auch unter dem „Marktpreis“ anbieten und gleichzeitig mehr Kosten verursachen, da er von außen finanziert wird. Gesamtwirtschaftlich ist dieses verschwenderisch, da mehr Geld für eine Dienstleistung ausgeben wird als notwendig.

Wichtig: Der öffentliche Sektor hat durch die Finanzierung von außen Vorteile.

„Bottom-up“-Prozesse hingegen können eine lange Zeit dauern, bis sie voll entwickelt sind. Der Vorteil von „bottom-up“-Prozessen ist allerdings, dass sie „basisdemokratisch“ sind und eine große Dynamik entfalten können. Als Beispiel kann man das Umweltschutz-Bewusstsein betrachten. Der Umweltschutz wurde in den 80er-Jahren in Deutschland zuerst hauptsächlich von der Partei „Die Grünen“ vertreten. Diese war damals aber nicht an der Regierung beteiligt und daher musste sich das Umweltbewusstsein „bottom-up“ entwickeln. Die Menschen erkannten die gute Idee und nahmen den Umweltschutz als eine zusätzliche Norm an, gaben etwas mehr Geld für Bio-Lebensmittel aus und fuhren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das geschah in den 80ern völlig ohne Beeinflussung durch die damals herrschende Regierung aus CDU und FDP. Das Umweltbewusstsein hat sich „bottom-up“ durchgesetzt.

Markt vs. Staat

In der Politik ist die Perspektive der komplexen Systeme aber noch größtenteils unbekannt. Hier gibt es in der Wirtschaftspolitik hauptsächlich zwei Richtungen:

  • Viel Staat und wenig Markt („Links“ und „Rechts“)
  • Viel Markt, wenig Staat („Liberal“)

Bei Diskussionen kommt es häufig vor, dass sich die Befürworter dieser beiden Strategien nicht einigen können und teilweise verbittert gegenüber stehen. Dieses verhindert oft die Lösung des anstehenden Problems. Denn jede der beiden Seiten einzeln kann viele Probleme in der heutigen Gesellschaft alleine nicht lösen [CK14]. Die direkten Eingriffe des Staats scheitern an der Komplexität der Gesellschaft und an der langsamen Bürokratie. Die Märkte sind heute auch oft nicht in der Lage zu „funktionieren“, z. B. aufgrund von Lobbyismus von großen Unternehmen, bestehenden komplizierten Regulierungen, Monopolisten und einer Plünderungsmentalität der „Eliten“. Wir haben in Abschnitt 5.3 erklärt, dass die Preise in den Aktienmärkten keine Informationen mehr enthalten und die Finanzmärkte eher einem Glücksspiel gleichen.

Der Anteil der Staatsquote hat sich in den letzten Jahren in vielen Ländern geändert. Oft werden die skandinavischen Länder als Vorbilder für moderne Wohlfahrtsstaaten genannt. Die Journalisten Adrian Wooldridge und John Micklethwait nennen in ihrem Buch „The Fourth Revolution: The Global Race to Reinvent the State“ diese Staaten „all-you-can-eat“-Staaten [WM15]. Sie sagen, dass die Hauptaufgabe der Politik im nächsten Jahrzehnt sein wird, den Staat neu zu definieren und Wege zu finden, das starke Staatswachstum der letzten Jahre wieder aufzuhalten („Elephantiasis“). In vielen Ländern wollen die „Progressiven“ in der Regel eine bessere soziale Versorgung durch den Staat, Krankenhäuser, Kindergärten und Altenheime. Die „Konservativen“ hingegen wollen Sicherheit, Gefängnisse, Armeen und Subventionen für große Firmen. In der Sprache des „politischen Spiels“ aus Abschnitt 11.1 benutzen beide „Parteien“ das gleiche Mittel für unterschiedliche Ziele und können eine „Koalition“ bilden. Dazu müssen sie nicht einmal gleichzeitig miteinander regieren, sie können es auch abwechselnd tun, wie z. B. in den USA. Der Staat wird nur jeweils in unterschiedliche Richtungen ausgebaut. Die Wähler hingegen haben nur ihr eigenes Wohl im Auge und wählen immer weiter, solange die Politiker ihnen kurzfristige Vorteile versprechen, wie z. B. frühere Renten, „mehr Netto vom Brutto“ oder „U-Bahn umsonst“.

Bürokratien ändern sich in der Regel sehr viel langsamer als gewinnorientierte Organisationen (siehe Abschnitt 5.5) . Daher sind viele Änderungen der Digitalisierung nur in Unternehmen durchgeführt worden, aber noch nicht in den Behörden und Ministerien der Staaten. Die Behörden haben keinen Änderungsdruck aufgrund ihrer Finanzierung durch Steuern. Viele Staaten geben überproportional viel Geld aus, sie beschäftigen z. B. nur 15 - 20 % der gesamten Arbeitstätigen, geben aber bis zu 50% Prozent des BIPs aus [DMW15]. Auf die Staaten von heute kommen laut Wooldridge und Micklethwait große Probleme zu und es ist auch fraglich, ob Staaten diese Änderungen durchführen können. Die Wähler könnten zu persönlichen Einschnitten gar nicht bereit sein, wie z. B. „den Gürtel enger zu schnallen“, wie es 2009 noch Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte. Stattdessen wählen sie dann links- oder rechtsradikal.

Aber zumindest sind da Dänemark und Schweden der Zeit etwas voraus. Beide haben in den 90er-Jahren Wirtschaftskrisen durchgemacht und ihre Staaten reformiert. In Schweden wurde z. B. das Bildungs- und das Gesundheitssystem reformiert [WM15].

Komplexe Politik

In vielen Ländern befürworten die meisten Parteien eine „Steuerung“ der Wirtschaft durch die Politik wie zu Zeiten des Merkantilismus. Aus diesem Grund werden jährlich unzählige Gesetze und Regulierungen erlassen. Der folgende Spruch illustriert dieses:

„Government’s view of the economy could be summed up in a few short phrases: If it moves, tax it. If it keeps moving, regulate it. And if it stops moving, subsidize it.“

Frei übersetzt heißt das:

„Der Staat behandelt die Wirtschaft folgendermaßen: falls die Wirtschaft blüht, besteuert er sie. Wenn sie danach immer noch wächst, reguliert er sie. Falls sie dann nicht mehr funktioniert, subventioniert er sie.“

Jetzt gibt es aber sehr unterschiedliche Arten von Eingriffen mit unterschiedlichen Wirkungen und Nebenwirkungen. Wie sollen solche Interventionen aussehen? Dieser Frage gehen der Wirtschaftswissenschaftler David Colander und der Unternehmensberater Roland Kupers in ihrem Buch „Complexity and the Art of Public Policy: Solving Society’s Problems from the Bottom Up“ nach [CK14]. Ihre Grunderkenntnis ist die folgende: Staat und Markt sind keine Gegensätze, sondern eine Symbiose, die durch Koevolution entstanden ist. Sie beeinflussen sich wechselseitig und haben sich im Laufe der Geschichte immer aneinander anpassen müssen. Einerseits kann der Staat durch falsche Politik Märkte zerstören und andererseits kann falsches Verhalten an Märkten den Staat zu Eingriffen zwingen. Märkte für Auftragsmörder oder Terrorismus z. B. müssen vom Staat verboten werden, wenn keine anderen gesellschaftlichen Normen ein Entstehen verhindern können.

Wichtig: Staat und Markt sind eine Symbiose und durch Koevolution entstanden.

Colander und Kupers nennen ihr System „Laissez-faire Aktivismus“ . In ihrer idealen Politik, werden nur möglichst wenig „top-down“-Eingriffe vorgenommen die Gesellschaft und die Wirtschaft entwickelt sich hauptsächlich „bottom-up“. Der Staat stellt nur den Rahmen (Aktivismus), die Gesellschaft macht den Rest dann selber nach ihren eigenen Vorstellungen („laissez-faire“). Der Staat soll eine Hebamme sein und kein Controller [CK14]. Es ist Politik unter Berücksichtigung der Eigenschaften von komplexen Systemen, der Spieltheorie, der Verhaltensökonomie, der Netzwerke, der ABM, der Wirtschaftswissenschaften, der Daten und Data Science. Kurz eine Politik, die die in diesem Buch vorgestellten Inhalte benötigt. Diese „komplexe Politik“ kann die oben beschriebenen Gegensätze zwischen „top-down“ und „bottom-up“ vereinen. In der komplexen Sichtweise sieht die Geschichte „Ich, der Bleistift“ aus Abschnitt 5.3 allerdings ein wenig anders aus, weil die Einflüsse und die Dienstleistungen des Staates berücksichtigt werden müssen [CK14]. Die Lastwagen zum Transport des Holzes für den Stift führen z. B. auf vom Staat finanzierten Straßen, das Holz durfte nur gefällt werden, weil es anhand von Umweltschutzrichtlinien erlaubt ist, die Nahrung, die die Holzfäller essen, muss dem Lebensmittelgesetz entsprechen, usw.

Das soll allerdings nicht heißen, dass diese bisher vom Staat erledigten Dienstleistungen auch wirklich vom Staat erledigt werden müssen und nicht von privaten Unternehmen, die ihre Dienstleistungen auf einem Markt anbieten. In der komplexen Sichtweise kann es laut Colander und Kupers neben den „for-profit“-Unternehmen nämlich auch die in Abschnitt 5.5 schon erwähnten „for-benefit“-Unternehmen geben. Ein „for-benefit“-Unternehmen setzt sich in der Unternehmenssatzung ein bestimmtes zu erreichendes soziales Ziel, wie z. B. die Herstellung eines preiswerteren Medikaments, das sich z. B. 90% der Bevölkerung auch ohne finanzielle Hilfe leisten können2.

Interessenskonflikte

Konflikte zwischen Etablierten und Neuen

Es gibt rote und blaue Ozeane, Wettbewerb und Innovation, Globalisierung und Technologie, Nullsummenspiele und Nicht-Nullsummenspiele. Ein innovatives Produkt gewinnt oft auf Kosten der veralteten Produkte. Neue Industrien gewinnen auf Kosten der etablierten Industrien. Ein Beispiel ist die Firma Kodak, die bis in die 90er Jahre hinein den Markt für Fotos, Kameras und Filme beherrschte und zeitweise bis zu 145.000 Angestellte hatte. Obwohl Kodak selbst ein Pionier bei der digitalen Fotographie war und 1975 eine der ersten Digitalkameras baute, hat die Firma die Entwicklung zur digitalen Fotographie „verschlafen“ und musste 2012 Insolvenz anmelden.

Die innovative Industrie hat den ökonomischen Wettbewerb schon gewonnen, daher greift die etablierte Industrie zum politischen Mittel: Lobbyismus und Aufruf zu „politischen Debatten“, wie es z. B. 2015 der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz (SPD) tat. Die SPD ist auf der einen Seite eine politische Partei, auf der anderen Seite aber auch ein Wirtschaftsunternehmen, denn sie verfügt über viele Beteiligungen an Medienunternehmen, Zeitungen und Druckereien.

Wichtig: Politik ist Interessenvertretung. Politiker sind keine Altruisten, die nur das Gemeinwohl optimieren.

In einer Marktwirtschaft wird der Konflikt zwischen Altem und Neuem über den Markt ausgetragen. Die Kunden entscheiden, was sie kaufen. Das funktioniert in den meisten Fällen auch ohne große Eingriffe der Politik. Und wenn nicht, reicht es oft auch, einmalig einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen. In den 80er-Jahren waren einige Menschen mit der Lebensmittelindustrie unzufrieden. Die Nahrungsmittel waren ihnen nicht mehr natürlich genug. Zuerst waren diese Bio-Lebensmittel nur in speziellen Geschäften zu kaufen, die z. B. „Mutter Erde“ hießen. Bauern entschlossen sich dazu, biologische Lebensmittel anzubauen und Händler dazu, Einzelhandelsgeschäfte für Biolebensmittel zu eröffnen. Diese Menschen würde man heute „Bio-Entrepreneure“ nennen. Auf Peter Thiel’s Frage hätten sie geantwortet „Ich glaube, dass natürliche Lebensmittel gesünder sind, besser schmecken und viele Leute auch einen etwas höheren Preis für sie zahlen werden“. Die Möglichkeit, ein Unternehmen zu gründen, eigene Produktionsmittel zu besitzen und selber zu entscheiden, ob biologischer Dünger oder Kunstdünger verwendet wird, führten zu einer großen Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung. Die Initiative ging von der Privatwirtschaft aus, von einzelnen Individuen. Der Staat zog erst sehr viel später nach mit „Bio“-Siegeln und -Prüfplaketten, die wiederum von privaten Bio-Initiativen oft als nicht ausreichend kritisiert wurden. Selbstverständlich gab es auch hier „Kämpfe“ zwischen Altem und Neuem und die etablierte Lebensmittelindustrie hat zuerst versucht, die Bio-Lebensmittel wieder zurückzudrängen oder „Bio“ als unnötig und ungesund darzustellen. Aber schließlich sind sie auf diesen Zug aufgesprungen.

Wichtig: „Politische Debatten“ entstehen in einer Gesellschaft mit knappen Ressourcen, wenn man durch Politik Einfluss auf die Verteilung dieser Ressourcen nehmen kann.

Der Marxismus

Das Werk von Karl Marx (1818 - 1883) hat viele Facetten und wurde schon auf verschiedenste Weise interpretiert. Generell unterscheidet man aber zwischen dem jungen Marx, der 1848 zusammen mit Friedrich Engels das „Manifest der kommunistischen Partei“ herausbrachte und dem späteren Marx, der zwei Bände von „Das Kapital“ 1867 und 1885 herausbrachte. Denn hier gibt es gegensätzliche und widersprüchliche Aussagen [Bla14, Des04].

Die Welt zur Zeit von Karl Marx war noch eine ganz andere. Damals gab es noch nicht einmal überall Elektrizität. Es war noch die Zeit der Dampfmaschine und nicht die des Verbrennungsmotors. Im Jahre des Todes von Karl Marx entwickelte Gottlieb Daimler den ersten Einzylinder-Viertaktmotor. Karl Marx benutze das Wort „Produktivkraft“ für das gesamte technische und organisatorische Wissen einer Gesellschaft. Und diese „Produktivkräfte“ haben sich durch die technologische Entwicklung inzwischen stark verändert. Seine Analysen können heute gar nicht mehr stimmen. Denn wie in Kapitel 9 erklärt, unterscheidet sich die digitale Ökonomie von der physikalischen Ökonomie und wie in Kapitel 4 erklärt, hat Wissen das Kapital als limitierenden Produktionsfaktor längst abgelöst. Daher ist es nur natürlich, dass viele Teile seines Werkes im Laufe der über 130 Jahre seit seinem Tod auch von anderen Wissenschaftlern wiederlegt wurden. Das war bei vielen anderen Ökonomen aus dieser Zeit auch so. Eugen Böhm von Bawerk z. B. befasste sich 1896 in seinem Werk „Zum Abschluss des Marxschen Systems“ mit der Marxschen Theorie und wiederlegte die „Transformation von den Arbeitswerten in Marktpreise“ [Bla14]. Ludwig von Mises untersuchte 1922 in seinem Buch „Die Gemeinwirtschaft“ den staatlichen Sozialismus. Wenn alle Produktionsmittel in staatlichem Besitz sind, gibt es für diese keinen Markt mit Käufern und Verkäufern und daher auch keine Marktpreise [Mis49]. Der Preis ist aber die Grundlage für die Wirtschaft als Informationssystem [Gil13]. Es ist keine Wirtschaftsrechnung in Monopolen möglich. Dann gibt es noch das Wissensproblem von Friedrich A. Hayek: in einer zentralisierten Planwirtschaft müsste alles Wissen zentralisiert werden. Dieses ist nicht durchführbar [Hay48]. Und die Wirtschaftswissenschaften haben sich weiterentwickelt und stehen – wie in Kapitel 5 beschrieben – mit der komplexen Ökonomie vor einem weiteren Wandel.

Der Wirtschaftswissenschaftler Meghnad Desai ist der Meinung, man hätte Marx schon immer falsch verstanden. Mit seinem im Jahr 2002 veröffentlichten Buch „Marx’s Revenge: The Resurgence of Capitalism and the Death of Statist Socialism“ (übersetzt: „Die Rache von Marx: die Wiederauferstehung des Kapitalismus und das Ende des staatlichen Sozialismus“) sorgte er in gewissen Kreisen für Aufsehen [Des04]. Denn Desai ist in Großbritannien kein Unbekannter als Politiker der britischen Labour-Partei und als ehemaliges Mitglied des Exekutivkomitees der Fabian-Society, einer britischen sozialistischen Gesellschaft. Er hat in den 70er- und 80er-Jahren mehrere Bücher über Marx und Lenin veröffentlicht.

Nach Desai wurde der Name von Karl Marx von den meisten Politikern missbraucht und zwar teilweise schon vor seinem Tod. Sie hätten nur seinen Namen ausgenutzt, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Karl Marx hätte weder sozialdemokratischen Parteien, die Oktoberrevolution von 1917 oder die Sowjetunion gutgeheißen. Desai schreibt, das die Antwort von Karl Marx auf die Frage „sollte der Staat die Wirtschaft steuern oder der Markt?“ viele schockieren würde. Denn seine Antwort wäre der Markt! Er war ein „Champion“ des Freihandels und gegen Zollschranken. Er wäre heute kein antikapitalistischer Globalisierungsgegner und auch kein Befürworter von regional beschränkten Märkten, wie es viele heutige TTIP-Gegner sind. Er wäre gegen die zentrale Planung der Wirtschaft und war auch kein Befürworter eines sozialistischen Staates. Natürlich war Karl Marx kein Freund des Kapitalismus, aber er studierte ihn jahrzehntelang. Karl Marx war der Meinung, er hätte eine „Dynamik“ entdeckt, nach der der Kapitalismus sich selbst überwinden würde und automatisch zum Kommunismus führen würde. Nach Karl Marx wird der Kapitalismus aber erst verschwinden, nachdem er sein volles Potential entfaltet hat.

Das volle Potential hat der Kapitalismus dann bei einem Produkt erreicht, wenn er die Knappheit überwinden kann, d. h. wenn es das Produkt im Überfluss gibt. Überfluss ist auch ein Versprechen der Singularität. Wenn es intelligente Computer gibt, die sich selber verbessern können, dann können diese auch Roboter erfinden und automatische Fabriken, die alle Güter sehr günstig herstellen können. Nach der Singularität würde es daher die meisten Dinge im Überfluss geben. Der Unternehmensberater C. James Townsend verbindet die beiden Ideen Singularität und Sozialismus in seinem Buch „The Singularity and Socialism: Marx, Mises, Complexity Theory, Techno-Optimism and the Way to the Age of Abundance“ [Tow15]. Nach Townsend hat der heutige Sozialismus diese „Dynamik“ von Karl Marx, diese evolutionäre Vision, völlig vergessen und sich in interventionistischer Politik verzettelt. Dadurch hat man seiner Meinung nach die Entwicklung des Kapitalismus behindert und den Eintritt des Kommunismus auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Nach Townsend wird nach der Singularität ein System kommen, dass zugleich „Sozialismus“ und „Kapitalismus“ überwindet. Die Wirtschaft nach der Singularität hat ganz andere Gesetze. Natürlich wirft das viele Fragen auf, wie z. B. wer in einer solchen Gesellschaft im Besitz der Produktionsmittel ist. Die ursprüngliche Forderung des Marxismus aber „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ kann nur mit nicht-knappen Gütern funktionieren, denn sobald von etwas zu wenig da ist, entstehen Interessenskonflikte und die Menschen müssten „Gemeinwohloptimierer“ sein, um diese Konflikte zu lösen.

Von den traditionellen „Linken“ wird Karl Marx heute aber ganz anders interpretiert. Karl Marx wird heute von vielen Politikern und Parteien benutzt, weil in seiner Analyse der Staat nicht vorkommt und sie mit Marx ihre Interessen gegen manche Teile der Wirtschaft durchsetzen können. Es ist schon merkwürdig, das Linke in Deutschland Firmen wie Google und Facebook als „Kapitalisten“ beschimpfen [Sch15], während sie die mit Steuergeldern subventionierten deutsche Industrie in Ruhe lassen oder sogar unterstützen, wie z. B. die Automobil- und Chemiefirmen.

Arbeit und Arbeitsplätze

Wissen und Service

Eines aber ist sicher: die neuen Technologien werden gravierende Änderungen in der Arbeitswelt haben. Im Informations- und Wissenszeitalter kann man vereinfacht zwischen den folgenden beiden Berufsarten unterscheiden [Dru94, BA14, TM14]:

  • Wissensarbeiter für komplizierte und komplexe Systeme
  • Servicearbeiter für einfache Systeme

Ein Wissensarbeiter arbeitet heute oft am PC und benötigt für seine Arbeit Vorkenntnisse und Wissen. Beispiele hierfür sind Steuerberater, Versicherungsagenten, Rechtsanwälte, Journalisten, Mediziner, Computerprogrammierer oder ein Manager. Es sind Berufe für komplizierte und komplexe Systeme und das Wissen wird meistens in einem Studium oder einer längeren Ausbildung vermittelt. Ein Servicearbeiter hingegen bedient in der Regel nur einfache Systeme und dafür benötigt er nur eine rudimentäre Ausbildung. Teilweise sind diese Arbeiten sogar so einfach, dass sie gar keine richtige Ausbildung benötigen, wie z. B. Hilfskräfte in Supermärkten, Lagerarbeiter oder bei einer Telefon-Hotline.

Welche Arbeiten sind besonders von der Technik bedroht?

Wir haben in den vergangenen Kapiteln die Data Science, die Künstliche Intelligenz und die Digitalisierung kennengelernt und können diese Techniken jetzt besser einschätzen. Aus der Verhaltenspsychologie aus Abschnitt 3.2 wissen wir, dass der Mensch begrenzt rational ist und mit dem System 1 Heuristiken zur Mustererkennung einsetzt und das System 2 für das Ausprobieren aller Möglichkeiten. Kurz gesagt gibt es „heuristische Arbeit“ und „systematische Arbeit“. Aus dem Kapitel 8 über die Künstliche Intelligenz wissen wir, dass Computer beide Arten von Arbeit beherrschen können. Vor 15 Jahren glaubt man noch, dass Computer nur die „systematische Arbeit“ könnten, weil die damals verfügbaren PCs noch zu schwach für größere mehrschichtige neuronale Netze waren [BA14]. Heute mit den selbstfahrenden Autos ist aber klar, dass Computer auch heuristische Arbeiten übernehmen können. Da sich die technologische Entwicklung auf der zweiten Seite des Schachbretts befindet (Abschnitt 9.1), werden hier in Zukunft auch komplexere Aufgaben von Maschinen erledigt werden. Allerdings muss man hier auch berücksichtigen, dass die selbstfahrenden Autos nicht „überraschend“ auf der Bildfläche erschienen sind, denn seit ca. 10 Jahren wird an diesen intensiv geforscht. Die meisten technischen Änderungen kündigen sich weit vorher an.

Computer sind in der Regel nicht gut im Stellen von Fragen, sie haben keine Kreativität, können nicht Querdenken und haben keine eigenen Ideen [BA14]. Daher können Berufe, die diese Fähigkeiten erfordern auch nicht durch Computer ersetzt werden. KIs können auch nicht flexibel mit der Bedeutung von Sprachen umgehen und Neuigkeiten schlecht selber in ihre Wissensdatenbank integrieren. Der kreative Umgang mit Wissen und Neuigkeiten wird daher noch länger Menschen vorbehalten bleiben.

Alle Tätigkeiten hingegen, die relativ statisches Wissen erfordern, sind von einer Automatisierung bedroht. Der Umgang mit Menschen in der Telefonhotline ist schon teilweise automatisiert. Diese Dialogsysteme werden in den nächsten Jahren besser werden. Einfache Wissensarbeiten werden von Computerprogrammen erledigt werden, wie z. B. die automatische Übersetzung von nicht-literarischen Texten.

Bei den Robotern wird die Zukunft davon abhängen, ob es möglich sein wird, Roboter zu bauen, die sich z. B. in einer Wohnung frei bewegen können ohne das Wohnungsinventar zu beschädigen und wieviel Strom sie dabei benötigen. Es ist z. B. noch ein sehr langer Weg, bis ein Roboter in einer ihm unbekannten Wohnung Staubwischen kann, ohne die Gegenstände zu beschädigen. Größere Roboter werden allerdings weiter Einzug in den Alltag finden, wie z. B. als Köche in Selbstbedienungsrestaurants. Daher ist es bei den Service-Arbeiten noch nicht klar abzusehen, welche automatisiert werden können und welche nicht. Präzise manuelle Arbeiten, wie z. B. das Aufheben und Falten eines Handtuchs sind für Roboter momentan noch schwierig [BA14].

Substitution und Augmentierung

Beim Einsatz von neuer Technik bei der Arbeit gibt es zwei Möglichkeiten [BA14]:

  • Substitution: die Technik ersetzt die menschliche Arbeit
  • Augmentierung: die Technik unterstützt die menschliche Arbeit

Zum Beispiel ersetzt ein selbstfahrender Zug einen Lokomotivführer. Ein Autopilot für ein Flugzeug hingegen unterstützt den Piloten. Hier können auch Mischformen auftreten: wenn z. B. ein Roboter die Produktivität eines Arbeiters unterstützen kann, werden insgesamt weniger benötigt. Einige Arbeiter werden daher ersetzt und die verbleibenden unterstützt.

Jetzt ist der Mensch sehr lernfähig und kann seine eigenen Systeme 1 und 2 durch künstliche Systeme 1 und 2 ersetzen bzw. augmentieren. Im „Freistil-Schach“ kann ein professioneller Schachspieler ein Schachprogramm zur Unterstützung verwenden und ist in der Regel damit besser als das Schachprogramm alleine [BA14]. Ein Statistiker kann mit Data-Mining und Data Science wesentlich bessere Ergebnisse erzielen. Architekten benutzen seit den 90er-Jahren CAD-Systeme für ihre Entwürfe. Die meisten Menschen benutzen Wikipedia, Online-Wörterbücher, Suchmaschinen, Navigationssysteme im PKW, SMS, Emails, usw.

Die menschliche Arbeit wird in der Regel durch technische Erfindungen unterstützt. Ausgegangen ist die Arbeit selber noch nie. Aber immer haben manche Menschen dieses bei technischen Erfindungen befürchtet [Haz88]. Solange die Welt nicht perfekt ist, sind noch Sachen zu erledigen und damit ist Arbeit vorhanden.

Der Fachkräftemangel

Der immer schneller werdende technische Wandel erzeugt auch Irritationen in der Wirtschaft, wie z. B. den oft in der deutschen Presse zitierten Fachkräftemangel. Das Bildungssystem ist nicht in der Lage, sich alle 2 Jahre an die neuen Produkte der Computerindustrie anzupassen. Viele der heute verwendeten Tools und Softwarewerkzeuge sind noch keine zehn Jahre alt. Hadoop feierte 2015 z. B. den zehnten Geburtstag. Für viele Arbeitnehmer lohnt es sich nicht, sich kurzfristig in eine neue Technologie oder ein neues Werkzeug einzuarbeiten, wenn sich der Aufwand nicht im Gehalt wiederspiegelt und man in 3 Jahren wieder neu lernen muss. Bei sehr schneller technologischer Entwicklung lässt sich Fachkräftemangel daher nicht einfach mit dem Ruf nach „Bildung“ beheben, weil viele Kenntnisse bis zum Ende der Bildung schon wieder veraltet sind. Innerhalb des Zeitraums eines Studiums von drei bis vier Jahren hat sich in der Informatik z. B. schon eine Menge verändert. Deshalb ist ein Informatikstudium in der Regel eher abstrakt. Man lernt die Grundlagen und das „Lernen“, damit man sich später in die aktuellen Techniken einarbeiten kann. Viele Unternehmen müssen scheinbar noch lernen, sich auf diese Entwicklung einzustellen. Sie glauben, dass die Gesellschaft einsatzfertige Arbeitskräfte produzieren müsste, die die Unternehmen dann wie niedrighängende Früchte einfach pflücken könnten. In Wirklichkeit ist das bei einem schnellen technologischem Wandel nicht mehr möglich und die Unternehmen müssen dazu übergehen, ihre Mitarbeiter selber zu schulen oder externe Fachkräfte hinzuzuziehen.

Und die Politik?

Wie sollte sich die Politik bei „disruptiven“ Änderungen verhalten? Nehmen wir einmal die selbstfahrenden Autos als Beispiel. Sollte die Politik diese verbieten, um die Arbeitsplätze von Taxifahrern, Busfahrern und Lokomotivführern zu schützen? Man muss hier jeweils die Vor- und Nachteile für die Fahrer und die Gesellschaft abwägen. Bei der heutigen Technik kommt man in der Regel als Ergebnis darauf, dass sich der Fortschritt nicht lange aufhalten lässt. Ein Aufhalten der Technik ist in der Regel für die heimische Wirtschaft mit Nachteilen verbunden [BA14]. In Großbritannien wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts die Höchstgeschwindigkeit der gerade aufkommenden Automobile auf 6 km/h beschränkt, um den Pferdekutschern keine zu große Konkurrenz zu machen. Das war eine Chance für die Automobilindustrie in den anderen Ländern, weil sie Autos ohne diese Limitierungen entwickeln konnten.

Wenn Arbeiter durch Technik ersetzt werden, kann man sich fragen, ob das Wissen der Arbeiter noch in „augmentierenden“ Systemen genutzt werden kann. Kann man die Produktivität des Arbeiters mit Computerhilfe wieder so erhöhen, dass sich eine Einstellung wieder rentiert. Diesen Gedanken hatte als erster Frederick Winslow Taylor, der in Abschnitt 4.2 besprochen wurde. Oder kann ein Arbeiter sein Wissen noch anderweitig nutzen? Wenn ein Taxi-Fahrer jetzt durch ein selbstfahrendes Auto ersetzt wird, kann der Fahrer sein Wissen über die Stadt ja eventuell als Stadtführer nutzen. Er kennt vielleicht die besten Restaurants und Geschäftsreisende wären über Tipps dankbar und sind auch bereit dafür etwas mehr zu zahlen.

Eine tiefere Diskussion würde allerdings den Rahmen dieses Buches sprengen. Die meisten seriösen Zukunftsforscher denken aber, dass die positiven Seiten des technischen Fortschritts die negativen Seiten überwiegen werden [DMW15, BA14].

Wichtig: Als Faustregel gilt: je mehr eigenes Denken erforderlich ist und je komplizierter eine Arbeit ist, desto unwahrscheinlicher ist, dass sie in naher Zukunft automatisiert werden kann.

Das heutige Schulsystem allerdings schult Auswendiglernen, „Funktionieren“ und das unkritische Übernehmen des Gruppendenkens. In der Zukunft werden aber Ideen, Problemlösen, Mustererkennung, „Computational Thinking“ und Kommunikation in der Arbeitswelt wichtig sein. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Unternehmensgründer von Google, Amazon und Wikipedia aus Montessori-Schulen stammen und nicht aus dem staatlichen Bildungssystem [BA14].

Wenn wirklich viele Menschen arbeitslos werden sollten, sind viele Wirtschaftswissenschaftler auch bereit, neue Arbeitsmodelle und soziale Sicherungssysteme, wie z. B. ein bedingungsloses Grundeinkommen zu diskutieren [BA14]. Ein solches Grundeinkommen ist allerdings ein großer „top-down“-Eingriff in ein komplexes System. Es ist ein massiver Eingriff in das Verhältnis von Angebot, Nachfrage und Preis von menschlicher Arbeit. Es ist also nicht absehbar, was die Folgen eines solchen Grundeinkommens wären.

Monopole und Patente

In Abschnitt 9.10 wurden die „Winner takes it all“-Eigenschaften vieler digitaler Märkte erklärt. Wenn ein Unternehmen ein überragendes Produkt anbietet, das die Konkurrenz nicht anbieten kann oder nur zu einem höheren Preis anbietet, dann kann ein natürliches Monopol entstehen. Ein natürliches Monopol ist nicht schlimm, weil es den Wunsch der Kunden wiederspiegelt. Anders verhält es sich bei einem künstlichen Monopol: bei einem künstlichen Monopol kann eine Firma alleine ein Produkt anbieten. Die Kunden sind gezwungen, dieses Produkt von dieser Firma zu kaufen. Deshalb kann die Firma die Preise künstlich erhöhen, das Angebot verknappen, die Qualität verschlechtern und die Kunden „an die Leine nehmen“. Deshalb werden künstliche Monopole in der Regel sehr kritisch betrachtet. Merkwürdigerweise aber nur, wenn es sich nicht um ein künstliches Monopol für den Staat handelt.

Hier müssen wir uns an die beiden Perspektiven der Angebotsseite und der Nachfrageseite aus Abschnitt 5.3 erinnern: Yin und Yang. Aus der Perspektive der Nachfrage gibt es in einer Marktwirtschaft idealerweise auf der Angebotsseite Wettbewerb. Die Unternehmen stehen in Konkurrenz zueinander und die Kunden können sich preiswerte Produkte aussuchen. Aus der Perspektive des Angebots allerdings, ist es sinnvoll ein Monopol anzustreben, wie es z. B. Peter Thiel auch klar als das Ziel eines Unternehmens angibt [TM14].

Damit die Wirtschaft funktioniert, muss ein gesundes Mittelmaß zwischen Monopolen und Wettbewerb bestehen. Wenn andere Unternehmen die Produkte eines Unternehmens einfach kopieren können, dann lohnt sich für das Unternehmen die Entwicklung des Produkts nicht mehr („Raubkopien“). Gefährlich wird es aber auch, wenn die Bildung von künstlichen Monopolen zu einfach ist. Denn dann gibt es keinen Fortschritt und viele Rechtsstreitigkeiten wegen Trivialpatenten.

In einer Informations- und Wissenswirtschaft, in der Information und Wissen als wirtschaftliches Gut gehandelt werden, ist es notwendig, „geistiges Eigentum“ zu schützen. Hier unterscheidet man zwischen den folgenden Möglichkeiten:

  • Geschäftsgeheimnis
  • Copyright
  • Patente
  • Trademark, Warenzeichen

Die ursprüngliche Methode, Informationen geheim zu halten, ist das Geschäftsgeheimnis. Als Beispiel kann das Rezept von Coca-Cola gelten, das bisher nicht veröffentlicht wurde. Allerdings funktioniert dieses nicht bei Maschinen, die man auseinanderbauen und „re-engineeren“ kann. Auch ausgelieferte Software lässt sich analysieren.

Mit einem Copyright kann die Herstellung einer Kopie eines geistigen Werks verboten werden, wie z. B. von einem Buch, Musik oder Film. Mit einem Copyright wird also eine 1 zu 1-Kopie verboten und die Investition des Erstellers geschützt. Hierdurch können keine Monopole entstehen.

Ein Patent hingegen wird bei einem Patentamt beantragt und gilt nicht für ein spezielles Werk, sondern für eine Methode oder ein technisches Muster. Die Firmen Apple und Samsung z. B. haben sich viele Gerichtsverfahren geliefert, weil Apple ein Patent auf ein „Mobiltelefon mit nur einem Button“ hatte. Apple hat mit Hilfe dieses Patents Samsung daran gehindert, vergleichbare Produkte auf den Markt zu bringen. Patente können daher zu Monopolen führen und eine Bedrohung für den Wettbewerb sein.

Die heutigen Patentsysteme führen zu regelrechten „Patentschlachten“ zwischen den großen Unternehmen. Hier sind insbesondere kleinere Unternehmen nicht in der Lage mitzuhalten und werden vom Markt verdrängt. Daher sind die heutigen Patentsysteme zu überdenken und gerechter zu gestalten [Rid10, Hin13].

Datenschutz und Privatsphäre

Daten und Datenschutz

Daten sind ein wichtiger „Rohstoff“ von Informationen. Informationen reduzieren die Unsicherheit und führen damit zu besseren Entscheidungen. Dieses betrifft sowohl die Wirtschaft, als auch die Institutionen des Staates und die Wissenschaft.

Jetzt sind nicht alle Daten gleich. Manche Daten erlauben Rückschlüsse auf die Person, die diese Daten erzeugt hat, offenbaren peinliche Details oder bieten Möglichkeiten zur Erpressung. Hier gilt das Sprichwort „Wissen ist Macht“. In den falschen Händen kann Wissen sehr gefährlich werden! Andererseits sind manche Daten für die Erbringung von Diensten unerlässlich. Ein Telekommunikationsunternehmen muss wissen, in welcher Zelle sich ein Mobiltelefon befindet, damit es die Signale zum richtigen Sendemast leiten kann. In Daten ist Wissen enthalten und ist in der Wissensgesellschaft und -wirtschaft das wichtigste Element. Ohne Daten kann es kein Wissen geben.

Um das Jahr 2000 herum, als das Internet und die ganzen sozialen Netzwerke neu waren, waren erst alle begeistert. Mit den Jahren kamen dann aber doch Bedenken: Wo werden die Daten eigentlich gespeichert? Wer kann diese einsehen? Was ist mit dem Datenschutz? Was ist mit der Privatsphäre? Dass die anfängliche Begeisterung abflacht und einem kritischen Blick weicht, ist eigentlich bei allen neuen Techniken so. Als die Menschen vor der Industrialisierung noch arme Bauern waren, haben sie die Industrialisierung begrüßt und den Nebeneffekt Umweltverschmutzung zuerst ignoriert. Als dann genügend Wohlstand vorhanden war, begann man, sich um die Verschmutzung Sorgen zu machen und fing an, diese zu verbessern. Das ist eigentlich der normale Weg der Marktwirtschaft. Die Unternehmen entwickeln Produkte, die Kunden probieren sie aus und geben Feedback. Daraufhin verbessern die Unternehmen ihre Produkte, usw.

Auch die Software-Entwickler mussten hier viele leidvolle Erfahrungen machen, z. B. wie sie ihre Produkte sicherer machen können, wie Daten verschlüsselt übertragen und sicher in Datenbanken gespeichert werden können. Zwischen Software-Entwicklern und den Hackern, die versuchen, Sicherheitslücken zu finden, gibt es immer einen Wettlauf. Aber das ist in der physikalischen Welt bei Kriminellen auch so, denn es werden ja z. B. auch Banken ausgeraubt.

Die Diskussion um den Datenschutz ist oft sehr schwierig, da der Begriff Daten so allgemein ist. Sind es persönliche Daten, wie z. B. die Adresse und der Wohnort oder Nutzerdaten, wie z. B. die gekauften Spiele? Sind es Kamerabilder von einer Überwachungs-Kamera im öffentlichen Raum oder auf einem Privatgelände? Ist es ein Audiomitschnitt eines Gesprächs, bei dem der Gesprächsteilnehmer nicht wusste, dass es aufgenommen wurde?

Privatsphäre

Es ist nicht möglich, auf alle diese Fälle eine einfache Antwort zu geben, weil hier sehr viele unterschiedliche Auffassungen und Rechtsvorstellungen berührt werden. Eine von Kritikern in den Medien oft geäußerte Aussage ist „Computer bedrohen die Privatsphäre“. Aber was bedeutet das genau? Was ist die Privatsphäre, was ist privat? Wenn diese Fragen nicht einfach zu beantworten sind, was soll dann ein „Recht auf Privatsphäre“ sein.

Das grundlegende Problem ist, das es keine eindeutige Definition von „Privatheit“ gibt. Der amerikanische Rechtsprofessor Daniel J. Solove hat in seiner Arbeit „A taxonomy of privacy“ die verschiedenen Definitionen von „Privat“ untersucht. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass „Privatsphäre“ nicht als Grundlage für die Gesetzgebung benutzt werden kann („privacy is far too vague a concept to guide adjudication and lawmaking“) [Sol06, PF13].

Man kann aber gut politisch Stimmung damit machen, ähnlich wie mit dem Wort „sozial“. Es kann sich ja jeder selbst definieren, was er gerade unter „Privat“ versteht.

Wichtig: Weil es keine klare Definition von „Privat“ gibt, kann mit dem „Recht auf Privatsphäre“ daher jede beliebige Intervention, Regulierung oder Verbot gerechtfertigt werden.

Auf einer öffentlichen Straße befindet man sich eben in der Öffentlichkeit und nicht in der „Privatheit“. Wenn eine Kamera diese Straße filmt, kann man dann ein Recht auf seine „Privatsphäre in der Öffentlichkeit“ pochen? Wenn jemand seine Daten bei einem sozialen Netzwerk eingibt, damit er dort Spiele spielen kann und diese Daten auf den Servern des sozialen Netzwerks gespeichert werden, sind es dann noch „seine“ Daten? Er benutzt schließlich die Server des Netzwerks.

Alle diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten, weil im Endeffekt das Wort „Privat“ nicht klar definiert ist. Diese Problematik überträgt sich auf Diskussionen über den „Datenschutz“.

Das wichtigste ist, dass die Menschen gewisse Grundregeln des sicheren Umgangs mit Daten lernen. Dass sie wichtige Daten gar nicht in sozialen Netzwerken speichern. Diese müssen ja nicht alles wissen. Unternehmen hingegen sollten ihre Systeme so sicher wie möglich machen. Hier gibt es verschiedene Datenschutz-Siegel und rechtliche Anforderungen.

Ganz wichtig ist aber, dass nicht nur Kritiker, Juristen und große Unternehmen an den Diskussionen teilnehmen. Datenschutz ist wie Umweltschutz ein Kostenfaktor für Unternehmen. Den meisten Unternehmen ist heute klar, dass man wichtige persönliche Daten verschlüsselt speichert und die Systeme möglichst sicher macht. Aber hierzu sind unter Umständen komplizierte Maßnahmen notwendig, die die Systeme teurer machen, so dass aus Kostengründen nicht alle Daten den gleichen Schutz bekommen können. Hier müssen auch kleine und mittlere Unternehmen gefragt werden.

Man sollte Datenschutzbeauftragte auch basisdemokratisch wählen können. Ansonsten besteht die Gefahr, dass diese Beauftragten Spielball politischer Interessen werden, wenn sie von den Parteien benannt werden können.

Etwas außerhalb der Thematik dieses Buchs ist die Frage, wie mit Kameras im öffentlichen Raum umgegangen werden soll. Je kleiner die Kameras werden, desto intensiver werden wohl die Diskussionen werden. Wenn jemand eine Brille mit einer Kamera trägt, die automatisch eine Gesichtserkennung durchführt und Informationen zu diesem Gesicht im Internet sucht und die gefundenen Informationen einblenden kann (ähnlich wie die Brille von Google), dann gibt es keine Anonymität mehr. Die Menschheit lebt dann wirklich in einem globalen Dorf, wo jeder jeden kennt. Großstädter empfinden das oft als Bedrohung, während die Landbevölkerung und Kleinstädter das aus dem Alltag kennen.

Wirtschaft und Staat

Beim Datenschutz muss man zwischen den folgenden Gruppen unterscheiden:

  1. Unternehmen
    • Gute: Benötigen Daten nur für Dienstleistung oder Produkterstellung
    • Schlechte: Spionage-Unternehmen, Detekteien
  2. Staaten und ihre Geheimdienste
  3. Gangster, Hacker, Cyber-Crime

Der normale Fall ist ein Unternehmen, dass eine Dienstleistung anbietet oder ein Produkt herstellt und hierfür Daten verarbeitet.

Wichtig: Die Übergabe von Daten an Unternehmen ist freiwillig.

Niemand ist gezwungen, Daten bei einem sozialen Netz einzugeben. Man kann auch „aussteigen“ und ein „drop out“ sein und dieses zur Moderichtung oder gutem Lebensstil erklären.

Unternehmen, die das Vertrauen ihrer Kunden missbrauchen, wird es leider auch immer wieder mal geben. Die „guten“ Unternehmen werden aber versuchen, den Datenschutz zu verbessern und bieten z. B. verschlüsselte Übertragung an. Unternehmen werden z. T. von den Regierungen per Gesetz dazu gezwungen, bestimmte Daten freizugeben. Telekommunikationsunternehmen in Deutschland werden z. B. zur „Vorratsdatenspeicherung“ verpflichtet. Hier gab es in den USA viele Vorwürfe an viele Unternehmen, wie z. B. Google und Apple, weil sie der amerikanischen NSA Daten geliefert haben sollen. Hier wissen viele Kritiker nicht, dass ein Unternehmen keine Möglichkeit des politischen Widerstands hat außer dem Rechtsweg, Lobbyismus und Medienarbeit. Unternehmen können keine Freiheitskämpfer sein, weil sie dann einfach geschlossen werden. Kritiker interpretieren dieses oft als Unterstützung eines politischen Systems. Unternehmen können ein Land aber nur verlassen, für sie gilt: „like it or leave it“. Der ausbleibende Protest bei der Zensur bei Facebook in Deutschland hat außerdem gezeigt, dass auch die „Linke“ nicht prinzipiell gegen Zensur ist. Facebook hingegen kann sich der regierenden SPD nur beugen oder Deutschland verlassen.

Die zweite Gruppe bilden die Staaten, ihre Geheimdienste und die damit verbundenen Organisationen. Hier kann der einzelne Mensch nicht frei darüber entscheiden, welche Daten er an wen gibt. Der Staat begründet z. B. die Vorratsdatenspeicherung mit der Bekämpfung von Terrorismus und anderer Verbrechen. Hier wird ein Problem sichtbar: einerseits möchten viele Menschen den Staat mit wichtigen Aufgaben betrauen, weil sie es „dem Markt“ nicht zutrauen oder weil sie gegen die gewinnorientierte Wirtschaft sind, aber andererseits fehlt ihnen die Möglichkeit, den gleichen Staat selber zu kontrollieren.

Wichtig: Viele Menschen sind bereit dem Staat, Macht zu übertragen, haben aber bisher keine Möglichkeit gefunden, zu verhindern, dass der Staat diese Macht nicht ausnutzt.

Die NSA, CSEC, GCHQ, BND und wie sie alle heißen, sind eigentlich alle demokratisch durch ihre Wähler legitimiert. Die Mehrheit der Menschen in den jeweiligen Ländern hat dem zugestimmt. Jetzt werden manche sagen, aber die NSA ist ja kein deutscher Geheimdienst, könnte man denen nicht verbieten, in anderen Ländern zu spionieren? Ja, dann müsste man dem Bundesnachrichtendienst (BND) aber auch verbieten, in anderen Ländern zu spionieren. Hat das irgendeine Partei in Deutschland in ihrem Parteiprogramm? Seitdem es Staaten gibt, gibt es Spionage, Geheimdienste und Überwachung. Dieses Problem gab es schon immer und ist nur durch die technologische Entwicklung wieder in den Mittelpunkt gerückt.

Wenn ein Staat die Kommunikation seiner Bürger überwachen möchte, dann muss er mit allen Kommunikationsunternehmen Vereinbarungen über die Überwachung machen. Dieses ist aus der Perspektive des Staats umso einfacher, je weniger Kommunikationsunternehmen es gibt. Der Staat hat hier also ein Interesse daran, den Markt unter möglichst wenig Unternehmen aufzuteilen. Hier können große Kommunikationsunternehmen also zusammen mit dem Staat eine Koalition eingehen, indem die Regulierung so gestaltet wird, so dass die großen Unternehmen ihre kleineren Konkurrenten loswerden [Wu13].

Wichtig: Je weniger Kommunikationsunternehmen es gibt, desto einfacher ist die Überwachung für den Staat. Die Anzahl der Unternehmen kann durch Regulierung verkleinert werden.

Für die Bevölkerung bleibt da nur der Trost, dass man Daten verschlüsseln kann. Zumindest solange das nicht verboten wird. Bei der Verschlüsselung lassen sich Daten nur mit dem richtigen Passwort entschlüsseln. Mehrere Staaten haben inzwischen schon gefordert, dass ihre Geheimdienste eine Art Universalpasswort bräuchten, eine „Hintertür“, damit sie die ihren Aufgaben nach der Verbrechensbekämpfung nachkommen könnten. Hier gibt es einen Tradeoff zwischen der Sicherheit und der Freiheit der Bevölkerung.

Wichtig: Verschlüsselung muss erlaubt bleiben ohne eine „Hintertür“ für Geheimdienste.

Für offene Gesellschaften und Demokratien ist das Internet ein Segen, für Diktaturen hingegen ist es ein Überwachungsinstrument. Der CEO von Google Eric Schmidt und Google-Mitarbeiter Jared Cohen gehen in ihrem Buch „Die Vernetzung der Welt: Ein Blick in unsere Zukunft“ auf die Rolle der Unternehmen und der Staaten im politischen Bereich genauer ein [SC13].[]{#_Ref440963974 .anchor}

  1. Mit „Linken“ ist in diesem Buch nicht die Partei „Die Linke“ gemeint.

  2. An dieser Stelle schreien natürlich die Menschen der uneingeschränkten Vision von Thomas Sowell auf „und was ist mit den anderen 10%? Das ist ja unmenschlich!“. Natürlich wäre es gut, wenn sich das Medikament alle leisten könnten, aber es ist nicht möglich, ein Medikament umsonst herzustellen. Bei Berücksichtigung der Kosten muss man einen Tradeoff machen. Es ist besser ein Medikament zu haben, dass sich 90% leisten können, als gar keines. Die anderen 10% müssen dann z. B. private Organisationen, Spenden oder über staatliche Hilfen versorgt werden.

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