Wirtschaft als komplexes System

Was ist Ökonomie?

Die Ökonomie ist die Wissenschaft über die Wirtschaft. Sie ist eine der Wissenschaften mit dem größten Einfluss auf das Leben der Menschen. Denn die Ideen der Ökonomen beeinflussen die Politik und über die Medien auch die öffentliche Meinung. Zu allen wirtschaftlichen Ereignissen werden Ökonomen befragt: über die aktuelle wirtschaftliche Lage, das Investitionsklima oder die Stimmung an der Börse. Schlechte ökonomische Ideen haben schon vielen Menschen das Leben gekostet, wie z. B. die Verstaatlichung aller Produktionsmittel im sowjetischen Sozialismus.

Was ist die Ökonomie bzw. die Wirtschaftswissenschaft?

Um die Ökonomie zu definieren, muss zuerst der Begriff des Wirtschaftsguts geklärt werden. Mit Gütern werden Waren und Dienstleistungen beschrieben. Auch die Arbeitszeit eines Menschen ist ein Gut. Manchmal wird ein Gut auch Ressource genannt. Diese Güter sind in der Regel nicht in beliebiger und ausreichender Menge verfügbar. Man sagt in der Ökonomie dann, sie wären „knapp“. Knapp wird allerdings im Alltag anders verwendet. In der Umgangssprache ist etwas knapp, wenn nur noch wenig davon da ist. „Knapp“ in der Ökonomie heißt, dass es nicht beliebig viel davon gibt. Zum Beispiel ist sauerstoffreiche Luft an der Nordseeküste nicht knapp, während die Grundstücke in Strandnähe knapp sind, also nur in begrenzter Stückzahl verfügbar. Die meisten Güter sind knapp. Ein Gut kann unterschiedlich eingesetzt werden: aus einem Stück Holz kann man eine Gitarre, ein Möbelstück oder einen Bleistift machen. Man könnte das Stück Holz auch verbrennen und in Wärme umwandeln. Der Geigenbauer benötigt anderes Holz als der Möbelhersteller. Wer entscheidet, welche Bäume angepflanzt werden sollen, wenn Land knapp ist? Holz für die Geigen oder für die Möbel? Wer entscheidet, wie ein bestimmtes Gut eingesetzt wird?

Jetzt sind wir bereit für die Definition:

Ökonomie ist die Wissenschaft von der effizienten Verteilung von knappen Gütern mit unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten.

Da die menschliche Gesellschaft ein komplexes System ist, und die Wirtschaft dazu dient, die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen, ist die Wirtschaft ebenfalls ein komplexes System. Die Ökonomie ist daher auch eine Wissenschaft eines komplexen Systems.

Die Ökonomie hat einen recht zweifelhaften Ruf. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass die Erkenntnisse immer aus dem Kontext herausgerissen werden und für politische Zwecke missbraucht werden. Als Beispiel sei die „unsichtbare Hand“ von Adam Smith (1723 - 1790) genannt. Mit dieser Metapher hat Adam Smith das emergente Verhalten bezeichnet, weil man früher kein besseres Wort dafür hatte. Die Menschen agieren lokal und nur für sich und ihre Familie und Freunde, aber global gesehen steuert sich vieles damit „bottom-up“. Aber sobald irgendeine Wirtschaftskrise auftaucht, wird Adam Smith und mit ihm die ganze Marktwirtschaft kritisiert:

Der Adam Smith habe doch gesagt, die „unsichtbare Hand“ würde alles jederzeit regeln. Und da die Finanzkrise da sei, könne es die „unsichtbare Hand“ nicht geben und daher taugt die Marktwirtschaft nichts und Karl Marx hatte doch Recht.

Aber diese „unsichtbare Hand“ erwähnt Adam Smith in seinen beiden Hauptwerken „The Wealth of Nations“ und „The Theory of Moral Sentiments“ nur jeweils einmal. Die „unsichtbare Hand“ war also nie zentraler Punkt seiner Werke. Und er sagte auch nicht, dass sie alles regeln würde, denn Adam Smith gehörte zur „eingeschränkten Vision“ in der der Mensch und damit auch die Gesellschaft viele Fehler hat, wie in Abschnitt 3.4 angesprochen.

Die Aussagen von Ökonomen werden in politischen Diskussion stark verfälscht. Ähnliches passierte auch bei John Maynard Keynes [CK14], der mit dem heutigen Keynesianismus wahrscheinlich genauso unzufrieden wäre wie Karl Marx mit dem Marxismus [Des04].

Wichtig: Ökonomen werden oft falsch wiedergegeben und fehlinterpretiert.

Kritik an der traditionellen Ökonomie

Da die Ökonomie so wichtig für die Politik ist, setzen sich politisch gewollte, aber wissenschaftlich nicht haltbare Theorien durch. Das erschwert die Weiterentwicklung. Von keiner anderen Wissenschaft werden so häufig so alte Wissenschaftler zitiert: Adam Smith lebte von 1723 bis 1790, Karl Marx von 1818 bis 1883 und John Maynard Keynes von 1883 bis 1946. Die Wirtschaftswissenschaftler selber machen das natürlich nicht, aber die Allgemeinheit ist wohl bei ihrem wirtschaftswissenschaftlichen Grundwissen „stehengeblieben“.

Wie konnte es dazu kommen?

Die historische Entwicklung

Das von Adam Smith 1776 veröffentlichte Buch „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ gilt als erste moderne Auseinandersetzung mit der Ökonomie [Bei07]. Es werden z. B. die folgenden Fragen in dem Buch behandelt:

  • Wie entsteht Wohlstand?
  • Wie verteilt sich der Wohlstand auf die Bevölkerung?
  • Welche Folgen hat die Arbeitsteilung?
  • Was ist Produktivität?
  • Soll der Staat in die Wirtschaft eingreifen?

Adam Smith sah sich selbst noch als Philosophen und daher ist das Buch nicht mathematisch. Damals steckte nämlich auch die Mathematik noch in den Kinderschuhen. Zur Lebenszeit von Adam Smith hatte die Physik große Fortschritte durch Isaac Newton (1642 - 1726) gemacht. Newton sah die Welt durch seine „mechanische Brille“ und die Welt war für ihn eine große physikalische Maschine. Diese Sichtweise beeinflusste auch die Philosophie und andere Wissenschaften [Gil13].

In der „klassischen Periode“ von 1680 bis 1830 wurde das Verhältnis von Angebot, Nachfrage und Preis entdeckt (siehe Abschnitt 5.3) [Bei07]. Es blieb aber die Frage offen, wie man den „richtigen“ Preis benennen oder vorhersagen könnte. Man glaubte damals noch, der Preis sei objektiv und nicht subjektiv. In der Physik (in der Newtonschen Mechanik) kann man mit der richtigen Formel Vorhersagen über die Zukunft machen. Es lässt sich berechnen, wie sich die Planeten um die Sonne drehen oder an welcher Position sich ein Pendel in 2 Sekunden befinden wird. Und damals dachten die Ökonomen, dass man diese Vorhersagbarkeit erhält, wenn man eine „Mathematisierung“ von Smith’s Werk durchführen würde. Das war zu der Zeit mit dem damaligen Stand der Mathematik allerdings nicht sofort möglich. Erst nachdem die Differentialrechnung von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716), Leonard Euler (1707 - 1783), William Rowan Hamilton (1805 - 1865) und Joseph-Louis Lagrange (1736 - 1813) weiterentwickelt und erfolgreich für physikalische und astronomische Probleme genutzt worden war, konnte die Ökonomie in der Periode der Grenznutzenschule („marginalists“) von ca. 1830 bis 1930 „mathematischer“ werden. Dazu war die Arbeit von drei Ökonomen notwendig: Léon Walras, William Stanley Jevons und Vilfredo Pareto [Bei07].

Allerdings unterscheiden sich die Mechanik und die Ökonomie stark voneinander. Damit die Mathematik auf die wirtschaftlichen Probleme übertragen werden konnte, mussten einige vereinfachende Annahmen gemacht werden. Léon Walras z. B. hat das Konzept des „Gleichgewichts“ aus der Physik entnommen. Seit diesem Zeitpunkt beschäftigen sich viele Wirtschaftswissenschaftler mit diesen Gleichgewichten. Die traditionelle Ökonomie sieht die Wirtschaft mit den Augen der Physik. In einer sehr großen Schüssel befindet sich ein Gummi-Ball, der sich in der Schüssel bewegt. Irgendwann kommt er zum Stehen. Ein Gleichgewicht tritt ein. Jetzt muss jemand externes die Schüssel anstoßen, damit sich der Ball wieder bewegt. Die Wirtschaft bewegt sich so von Gleichgewicht zu Gleichgewicht. Zustände außerhalb des Gleichgewichts werden nicht analysiert. Walras machte hier einen Trade-off zwischen Vorhersagemöglichkeit und Realitätsverlust. Sein Modell lässt sich nicht mehr auf die richtige Wirtschaft übertragen. Es ist eine Vereinfachung. Für die damalige Zeit war das natürlich dennoch ein großer Schritt. Walras wandte die Mathematik auf ein anderes Gebiet an. Aber seine Bereitschaft, vereinfachende Annahmen zu machen, damit das Problem mathematisch behandelbar bleibt, wurde bis heute in der Ökonomie beibehalten [Bei07].

William Stanley Jevons (1835 - 1882) wollte das menschliche Verhalten so vorhersagbar wie die Schwerkraft machen. Er kannte die Werke von Michael Faraday und James Clerk Maxwell über die Schwerkraft, Magnetismus und Elektrizität als „Kraftfelder“ („fields of force“). Er nahm an, dass der Preis in der Ökonomie der Energie in der Mechanik entspricht.

Vilfredo Pareto (1848 - 1923) hat als erster die Grundlagen der Spieltheorie erforscht (siehe Abschnitt 3.3). Pareto hatte erkannt, dass die meisten Menschen freiwillig nur Win-Win-Handlungen durchführen. Und wenn alle gewinnen, steigt auch der allgemeine Wohlstand. Damit legte er den Grundstein für die Annahme, dass Menschen immer „optimal“ handeln.

Im 20. Jahrhundert folgte dann die neo-klassische Schule, in der die Gleichgewichts-Ökonomie ausgebaut wurde und neue Varianten von vereinfachenden Annahmen ausprobiert wurden. In den 80er Jahren wurde insbesondere von Paul Romer die Wachstumstheorie weiterentwickelt, die aber auch alle auf „physikalischer Mathematik“ und Differentialgleichungen beruhen.

Die traditionelle Ökonomie basiert auf der Physik

Die klassische Physik ist deterministisch: Atome verhalten sich immer anhand von Naturgesetzen. Kennt man den Zustand eines deterministischen physikalischen Systems, kann man Vorhersagen über die Zukunft machen. Ein Atom hat keinen freien Willen, kann nicht aus der Vergangenheit lernen und kann sein Verhalten nicht ändern. Damit die für die Physik entwickelte Mathematik auch auf wirtschaftliche Probleme angewendet werden konnte, haben die Ökonomen im Laufe der Zeit sehr viele vereinfachende Annahmen gemacht, wie z. B. die folgenden [Rid10, Gil13, Kah12, Bei07, Tha15]:

  • Vollständige Information: Der Mensch kennt alle Produkte, alle Händler und alle Preise
  • Vollkommene Rationalität („perfect rationality“): Der Mensch macht automatisch das Optimale, d.h. macht beim Schach immer den besten Schachzug. Das Modell wurde „homo oeconomicus“ genannt.
  • Perfekter Wettbewerb: keine Monopole, vollkommene Transparenz
  • Perfekte Märkte mit allwissenden Teilnehmern
  • Keine Transaktionskosten, wie z. B. Steuern und Gebühren
  • Annahme, dass Produkte nur anhand ihres Preises verkauft werden und nicht anhand ihres Aussehens oder dem Markennamen.
  • Annahme, dass ein Produkt überall das gleiche kostet. In der Realität kostet das gleiche Produkt in unterschiedlichen Supermärkten aber oft unterschiedlich viel.
  • Alle Firmen arbeiten so effizient wie möglich und haben keine „Reibungsverluste“.
  • Die Zeit springt von Gleichgewicht zu Gleichgewicht.

Diese Annahmen trennen die ökonomischen Modelle aber von der Realität. Denn wir wissen aus der Verhaltensökonomie, dass Menschen nicht über diese Möglichkeiten verfügen (siehe Abschnitt 3.2). Die Ökonomie hat mechanische Modelle eines komplexen und dynamischen von Menschen angetriebenen Systems erstellt.

Wichtig: Die Ökonomen haben ein komplexes System auf ein kompliziertes System reduziert.

Damit sollen die Leistungen der Wirtschaftswissenschaften aber auf keinen Fall geschmälert werden. Die Ökonomen haben wichtige Arbeiten geleistet, die einen großen Stellenwert in der Geschichte der Menschheit haben. Aber aus der heutigen Perspektive der komplexen Systeme stimmt die traditionelle Ökonomie der Gleichgewichte nicht.

Komplexe Ökonomie

Wirtschaft als Netzwerk

Eine schöne Vorstellung von der Komplexität der Welt liefert die Geschichte „Ich, der Bleistift“ von Leonard E. Read [Rea58]. In dieser Geschichte beschreibt ein Bleistift seinen „Stammbaum“, d.h. seine Herkunft, aus welchen Stoffen er gemacht wurde und wer diese Stoffe hergestellt. Außerdem beschreibt er was wiederrum notwendig war, diese Stoffe herzustellen. Die erstaunliche Aussage dieses Buches ist:

Kein Mensch kann alleine einen Bleistift herstellen.

Denn er benötigt die Produkte oder Dienste anderer Menschen dazu. Der Bleistift selbst ist aus Holz, Lack, Graphit und hat am oberen Ende noch einen Radiergummi, das von Metall eingeschlossen ist. Das Holz selber ist eine bestimmte Baumart, die weder zu hart, noch zu weich sein darf. Ein Bleistift muss sich einfach spitzen lassen, wenn das Holz zu hart ist, geht das nicht. Das Holz stammt aus einem Baum, der mit einer Axt oder einer Motorsäge von einem Holzfäller gefällt wurde. Eventuell wurde das Holz mit einem Lastwagen oder der Eisenbahn transportiert. Das folgende Diagramm enthält einen sehr kleinen Ausschnitt aus dem „Stammbaum“ des Bleistifts.

Es ist der Anfang eines wirklich komplexen Netzwerks und eines komplexen Systems. Wenn man da weiter drüber nachdenkt, grenzt das schon an ein Wunder, das das klappt. Viele verschiedene einzelne Teile und Subsysteme kooperieren asynchron miteinander, um am Ende einen Bleistift herzustellen. Und das ohne zentrale Kontrolle, ohne einen gesamten Plan. Das ist das, was Adam Smith die „unsichtbare Hand“ genannt hat (aber nur einmal pro Buch!). Heutzutage könnte man es „kollektive Intelligenz“ oder „kollektives Gehirn“ nennen. Das Wissen, einen Bleistift herzustellen, ist weit über die Gesellschaft verteilt. Einer der ersten Ökonomen, der dieses genauer untersucht hatte, war Friedrich August von Hayek (1899 - 1992) [Hay48]. Hayek war ein Ökonom, der der Österreichischen Schule der Ökonomie angehörte. Diese Österreichische Schule unterscheidet sich von der traditionellen Ökonomie, weil sie die Ökonomie als das Handeln von Individuen versteht. Die Wirtschaft ist das Resultat von Handlungen von Menschen. Die Wirtschaft wird „bottom-up“ und nicht „top-down“ betrachtet. Daher wurden auch die mathematischen Modelle abgelehnt. Daher hat Hayek die Wirtschaft nicht durch die Linse der (physikalischen) Mathematik und Gleichgewichte betrachtet. Sein Blick war nicht durch mathematische Modelle „verzerrt“. Nach Hayek ist die Wirtschaft ein dezentrales System ähnlich wie in der agentenbasierten Modellierung. In seinem Aufsatz „The Use of Knowledge in Society“ von 1948 findet sich ein aus heutiger Sicht bemerkenswertes Zitat [Hay48]:

„We must look at the price system as such a mechanism for communicating information if we want to understand its real function—a function which, of course, it fulfils less perfectly as prices grow more rigid.“

Übersetzt heißt das:

„Wir müssen das Preissystem als einen Mechanismus zur Kommunikation von Informationen sehen, wenn wir seine wahre Funktion verstehen wollen – eine Funktion, die es [das Preissystem] umso schlechter ausführt, als dass die Preise unveränderlicher werden“

Das war im Jahre 1948: Kommunikation und Information! Das waren zu der Zeit noch völlig unbekannte Begriffe. Im gleichen Jahr hat Claude Shannon seinen Artikel „Mathematical Theory of Communication“ veröffentlicht, der heute als Grundstein der Informationstheorie gilt. Friedrich Hayek ist allerdings auch kein Unbekannter geblieben, denn er hat 1974 den „Nobelpreis“ für Wirtschaftswissenschaften erhalten.

Angebot, Nachfrage und der Preis

Preise kommunizieren also Informationen. Welche Informationen enthalten sie? Wie machen sie das? Und, wenn man Preise manipuliert, wie z. B. durch Gesetze, Mindestpreise, Höchstpreise, usw., verlieren sie dann diese Information?

Güter werden auf Märkten gehandelt: Menschen können Güter anbieten, andere können sie kaufen. Man unterscheidet hier zwischen dem Angebot (das, was Leute verkaufen wollen) und der Nachfrage (das, was die Leute kaufen wollen). Zwischen dem Angebot, der Nachfrage und den Preisen gibt es einen Zusammenhang, eine Abhängigkeit. Sie sind keine unabhängigen Variablen, sondern beeinflussen sich gegenseitig. Dieses Verhältnis von Angebot, Nachfrage und Preis wurde früher in der „klassischen Periode“ der Ökonomie von 1680 - 1830 entdeckt [Bei07]. Es wird auch in Mainstream-Lehrbüchern behandelt, wie z. B. in Paul Krugman und Robin Wells [KW05]. Im folgenden Diagramm werden diese gegenseitigen Wechselwirkungen skizziert:

Nehmen wir einmal an, eine Testperson sieht beim Einkauf im Supermarkt einen Artikel, den sie schon seit Jahren benutzt und auch weiter benutzen will, weil er so gut ist. Der Artikel ist im Angebot und nur halb so teuer. Wie viele kauft die Testperson davon? Natürlich mehr als üblich, denn sie legt sich einen Vorrat davon an, sofern es sich nicht um verderbliche Ware handelt. Der geringere Preis führt dazu, dass mehr davon gekauft wird. Umgekehrt werden Einkäufe reduziert, wenn Artikel teurer werden als bisher. Die Testperson wird versuchen den Artikel anderswo preiswerter zu besorgen oder steigt auf ein anderes Produkt um. Der höhere Preis führt dazu, dass weniger davon gekauft wird.

Wichtig: Angebot, Nachfrage und Preise beeinflussen sich gegenseitig und können nicht isoliert betrachtet werden.

Ökonomen erklären dieses Verhältnis normalerweise in einem Angebots-und-Nachfrage-Diagramm:

Hier sind zwei Kurven eingezeichnet: das Angebot und die Nachfrage. Auf der horizontalen x-Achse ist der Preis in Euro, auf der vertikalen y-Achse die Anzahl.

Die Nachfragekurve sinkt, weil je teurer das Produkt wird, desto weniger wollen den teuren Preis bezahlen. Die Angebotskurve steigt, weil die Verkäufer möglichst teuer verkaufen wollen. Hier gibt es einen Dualismus, zwei gegensätzliche Kräfte, die sich in der Mitte einigen müssen: Verkäufer wollen in der Regel etwas so teuer wie möglich verkaufen, während Käufer etwas so billig wie möglich kaufen wollen. Beide müssten sich auf einen Preis einigen. Es ist ein „Optimierungsverfahren“, ein „Preisfindungsverfahren“, eine Art Auktion.

Bei jedem Kauf läuft bei einem Menschen ein Entscheidungsprozess „Kauf ich das oder kaufe ich das nicht“ statt. In jeder Sekunde Millionen Mal auf der Erde. Das sind intelligente Entscheidungen, die verteilt und dezentral stattfinden.

Wichtig: Bei jedem Kauf oder Verkauf findet eine „Optimierung“ der Wirtschaft statt.

Bisher haben wir das Verhältnis nur als Käufer betrachtet. Versetzen wir uns in die Lage eines Blumen-Verkäufers. Wir haben 1000 Rosen und müssen diese bald verkaufen, da sie verwelken. Wir wollen 8 Stunden arbeiten. Wir haben den Preis auf 1 Euro pro Rose festgesetzt und nach vier Stunden stellen wir fest, dass wir schon 900 Rosen verkauft haben. Wir haben zu billig verkauft! Erfahrene Verkäufer wissen das und passen die Preise automatisch an. Große Online-Händler messen z. B. für jedes Produkt die Verkaufsgeschwindigkeit in Stück pro Stunde. Damit können sie berechnen, wann sie ihre Lager auffüllen müssen. Wenn sich etwas zu gut verkauft, wird der Preis erhöht, wenn es sich schlecht verkauft, wird er gesenkt.

Die zeitliche Änderung eines Preises hat daher eine Signalwirkung und zeigt an, ob Angebot oder Nachfrage gestiegen oder gesunken ist. Wenn eine Ware gestern noch 90 Euro gekostet hat und heute 100 Euro kann das an gestiegener Nachfrage oder an einem knapperen Angebot liegen. Die Preisänderung sendet aber die Information aus, dass sich da etwas geändert hat.

Jetzt versetzen wir uns in die Lage, eines Unternehmers. Unterstellen wir dem Unternehmer mal, dass er so viel wie möglich verdienen möchte. Er weiß aber noch nicht, welches Produkt er deshalb herstellen sollte. Ist es besser Putzmittel oder Staubsauger herzustellen? Wir ignorieren hier mal den Produktionsfaktor Wissen. Wir nehmen mal an, ein Unternehmer könnte sehr schnell lernen, wie man diese Sachen herstellt. Er wählt dann die Produkte, wo er den meisten Gewinn machen kann, wo also zwischen Verkaufspreis und Herstellungspreis die größte „Marge“ ist.

Hierzu benötigt er Informationen über die bisherige Entwicklung der Märkte und eine Ahnung davon, was die Leute in der Zukunft kaufen werden. Ein Unternehmer muss die Zukunft erraten. Er macht ein Experiment, in dem er ein Produkt herstellt. Er übernimmt das „unternehmerische Risiko“ . Die Angestellten übernehmen nur einen kleinen Teil dieses Risikos, sie bekommen monatlich ein Gehalt. Ein Unternehmen muss aber evtl. über Jahre hinweg ein Produkt entwickeln lassen und die Investitionen „vorschießen“. Jetzt vergleicht der Unternehmer die Preise und sieht, dass die Preise für Putzmittel sehr stark gestiegen sind. Das signalisiert ihm, dass man mit Putzmittel Geld verdienen kann. Er fängt an Putzmittel herzustellen. Dadurch gibt es im nächsten Jahr wieder mehr Putzmittel und die Preise werden wieder sinken. Entgegen der weitverbreiteten Ansicht, kann man Preise nicht einfach so „machen“ oder festlegen. Preise ergeben sich als emergente Eigenschaft eines komplexen Systems.

Was passiert mit diesen Informationen, wenn die Preise durch politische Eingriffe in die Märkte manipuliert werden?

  • Höchstpreise
  • Mindestpreise
  • Garantierte Abnahmepreise für Ökostrom
  • Mietobergrenzen
  • Mindestlöhne
  • Buchpreisbindung

Solche Eingriffe haben nach Paul Krugman und Robin Wells „unerfreuliche Nebenwirkungen“ [KW05]. Sie nennen das Kapitel sogar „Der Markt schlägt zurück“. Zugrunde liegt hier die Einsicht, das in komplexen Systemen eine Aktion immer auch unbeabsichtigte Nebeneffekte hat. Ein Eingriff in das Preissystem erzeugt so nicht nur den gewünschten Effekt, sondern auch Nebenwirkungen, die teilweise nur schwer abzusehen sind, sich aber oft auch ganz logisch ergeben. Wenn z. B. ein Staat einen einheitlichen Arbeitslohn festsetzen würde (ein Höchst- und Mindestpreis), so dass alle Menschen das gleiche verdienen, dann lohnt es sich nicht, sehr viel Aufwand in die Bildung zu stecken. Ob man nun Mathematik kann oder nicht, man würde später das gleiche verdienen.

Es ist aber daher ein wenig verwunderlich, dass die Politik in Deutschland die Preismanipulationen wieder verstärkt einführt, wie z. B. beim Mindestlohn oder bei der Mietpreisbremse. Es war ein wesentliches Merkmal des Wirtschaftswunders, das Ludwig Erhardt die von den Alliierten eingeführten Preiskontrollen wieder abschaffte [Erh57].

Wichtig: Mit Hilfe der Signale, die Preisänderungen aussenden, lassen Märkte eine gewisse Selbst-Regulierung zu. Dazu müssen allerdings die Informationen noch in den Preisen enthalten sein.

Wirtschaft als Informationssystem

Informationstheorie

Preise kommunizieren Informationen, aber was genau sind eigentlich Informationen? Der Begriff „Information“ wurde erst 1948 von Claude Shannon in seinem Artikel „The Mathematical Theory of Communication“ präzise definiert [Gle11]. Damals ging es aber hauptsächlich um die Übertragung von Nachrichten über Funk.

Ein Techniker, der eine Nachricht übertragen oder speichern will, benötigt die Länge der Nachricht bzw. wieviel Platz sie auf einem Datenträger mindestens benötigt. Nach der technischen Definition ist die Information einer Nachricht daher die maximal komprimierte Nachricht selber. Die Länge der Nachricht wird in Bit angegeben. Ein Bit ist die kleinste unterscheidbare Information, die üblicherweise in 0 und 1 angegeben wird. Ein fairer Münzwurf, bei dem jede Seite Kopf oder Zahl gleich wahrscheinlich ist, hat auch die Information 1 Bit.

Man kann Information interpretieren als die Reduzierung der Unsicherheit bezüglich des Zustands der Welt. Vor dem Münzwurf ist man unsicher über das Ergebnis. Man hat keine Information darüber, wie der Münzwurf ausgehen könnte. Beide Möglichkeiten sind gleich wahrscheinlich. Der Münzwurf selber reduziert diese Unsicherheit. Ähnlich ist es mit einem Wetterbericht, wenn man eine Reise plant. Vor der Reise ist man unsicher bezüglich des Wetters am Zielort. Wird es regnen oder schneien? Die Information, die in dem Wetterbericht enthalten ist, reduziert die Unsicherheit. Hier muss man zwischen absoluter und relativer Information unterscheiden. Wenn man den Wetterbericht zweimal liest, bringt das zweite Lesen keine neuen Informationen. Relativ gesehen, enthält der Bericht keine neuen Informationen mehr. Absolut gesehen, ist der gleiche Speicherplatz notwendig, um den Bericht zu speichern, enthält also die gleiche absolute Information.

Die Unsicherheit bezüglich des Zustands eines Systems wird in der Physik und in der Informationstheorie als Entropie bezeichnet. Das System muss sich in genau einem der vielen möglichen Zustände befinden. Man weiß aber nicht genau in welchem, sondern kann hier nur Wahrscheinlichkeiten angeben. Stellen wir uns das „physikalische“ System mit den drei Kreisen aus dem Abschnitt 2.3 noch einmal vor. Wir wissen anhand des Quellcodes, wo sich die Kreise befinden. Wir haben absolutes Wissen. Die Entropie ist minimal. Nehmen wir an, ein Computerfehler hätte alle Daten zufällig geändert. Wir wüssten nicht, wo sich die Kreise befinden, welche Größe, Farbe, Position und „velocity“ sie haben. Wir haben dann die größte Unsicherheit über das System. Die Kreise könnten irgendwo sein und wir wüssten nichts über den Zustand des Systems. Die Entropie ist dann maximal.

Um die Entropie in einem physikalischen System zu reduzieren, muss man Arbeit bzw. Energie hineinstecken. Um die Entropie in einem Informationssystem zu reduzieren, muss man Informationen hinzufügen.

Information in der Wirtschaft

Die Entropie eines Entrepreneurs … oh ein Zungenbrecher … zweiter Versuch … also die Unsicherheit eines Unternehmers über den weiteren Verlauf der Wirtschaft gilt es zu reduzieren. Der Unternehmer möchte Produkte herstellen und verkaufen. Aber welche? Und wie sollen sie aussehen? Seine Entropie bzw. Unsicherheit ist hoch. Er benötigt Informationen, um seine Entropie zu senken, sein Unwissen zu senken. So wie der Physiker Messungen anstellt, so macht der Unternehmer Marktanalysen oder versucht aus den bisherigen Daten mit Hilfe von Data Science neue Informationen zu generieren. Alles dient der Reduzierung des Unwissens. Ähnlich ist es bei einem Aktienhändler. Ein Aktienhändler weiß nicht, wie sich die Kurse entwickeln werden, welche Aktien man kaufen und welche man verkaufen soll. Er ist unsicher bei der Einschätzung der Zukunft. Er weiß nicht, wie sich eine bestimmte Firma entwickeln wird oder wie sich die Wirtschaft im Allgemeinen entwickelt. Er braucht Informationen.

George Gilder hat in den 70er-Jahren als Aktien-Händler gearbeitet und damals war es wichtig, möglichst viele Informationen über Unternehmen zu sammeln und zu erfahren, welche Unternehmen gut dastehen und voraussichtlich eine gute Zukunft haben [Gil13]. Er schreibt, dass er als Händler ständig auf der Suche nach Überraschungen sein musste, nach neuen Informationen. Damit konnte er seine Unsicherheit reduzieren, er hatte mehr Wissen. Der Handel mit Aktien war stark wissensgetrieben.

Und er schreibt auch, dass das heute nicht mehr funktioniert, weil die Informationen nicht mehr da sind. In den 70er Jahren wurden z. B. Indizes zur Risikostreuung entwickelt. Ein Index ist eine sog. gewichtete Summe aus mehreren Werten. Ein Beispiel für einen Index ist der Durchschnitt. Der Durchschnitt ist die Summe geteilt durch die Anzahl. Nehmen wir als Beispiel die Menge der drei Zahlen {1, 3, 8}. Der Durchschnitt ist (1 + 3 + 8)/3 = 4. Der Durchschnitt ist eine sog. gewichtete Summe, bei der das Gewicht immer gleich ist, hier in diesem Beispiel 1/3: 1/3 * 1 + 1/3 * 3 + 1/3 * 8 = 4. Man könnte jetzt dem mittleren Element mehr 1/2 und den beiden anderen Elementen weniger Gewicht geben 1/4: 1/4 * 1 + 1/2 * 3 + 1/4 * 8 = 15/4 = 3,75. Eine solche gewichtete Summe von Einzelpreisen zerstört aber die Information, die in den Einzelpreisen steckt. Sie „verwischt“ diese.

Indizes führen laut Gilder zu Informationsmüllhalden und verstecken die wichtigen Informationen [Gil13]. Wenn man an der Börse Geld verdienen will, muss man besser sein, als die Indizes. Dazu benötigt man Wissen, Information, Überraschung, die Abweichung von der Norm. Beim Aktienhandel sind alle bekannten Informationen schon eingepreist. Nur die Neuigkeiten zählen und lösen Änderungen aus. Die Neuigkeiten müssen vom Händler bewertet werden und er muss entsprechend handeln, also kaufen, halten oder verkaufen. Ursprünglich wurden die Indizes als Mittel zur Reduzierung des Risikos entwickelt. Die einzelnen Indizes sind robust im Sinne von Nassim Taleb (siehe Abschnitt 2.7). Aber das Gesamtsystem ist dann nicht notwendigerweise mehr robust, sondern wird evtl. fragil. Die einzelnen Indizes können nicht abstürzen, aber das Gesamtsystem wird zerbrechlicher [Tal12].

Aus dem ehemaligen wissensgetriebenen Handel mit Aktien wurde ein Glücksspiel, ein Kasino-Kapitalismus. Laut Gilder gab es in den letzten Jahren sehr viele weitere Regulierungen des amerikanischen Finanzsystems, die darauf abzielen, Risiken und Crashs zu vermeiden, in der Realität aber Informationen sehr schwer zu finden machen [Gil13].

Wichtig: Die heutigen Aktienmärkte leiden an Informationsverlust.

Das heutige Finanzsystem wird später in Abschnitt 11.3 noch behandelt.

Märkte

Angebot und Nachfrage

Die Aufgabe einer Wirtschaft ist, die Menschen mit Waren und Dienstleistungen zu versorgen. Die folgende Abbildung zeigt einen vereinfachten Überblick.

Die Wirtschaft wird in zwei Seiten geteilt: in die Nachfrage und das Angebot. Mit der Nachfrage sind alle Kunden und Käufer von Waren und Dienstleistungen gemeint. Unter Angebot sind alle Unternehmen zu finden. Eine Firma bietet in der Abbildung zwei verschiedene Waren V und W an. Die Ware V wird von einem Kunden gekauft, der bezahlt diese mit Geld. Der Kunde und die Firma tauschen also Geld gegen Ware V. Die Firma gewinnt die Information, dass die Ware V nützlich ist. Sie weiß jetzt auch, dass die Ware W nicht benötigt wird. Das Wissen der Firma ist gestiegen. Man kann das Wissen einer Firma in einer Art Lernkurve verdeutlichen. Für die Firma war das Herausbringen der beiden Waren ein Experiment, ein Test. Das obere Produkt hat den Test bestanden, das untere nicht. Die Firma erhält damit sowohl eine finanzielle Belohnung als auch wertvolle Informationen. Für George Gilder ist es ein wesentliches Element der Marktwirtschaft, dass diese beiden Arten von Informationen, die finanzielle Belohnung und das Wissen zur Herstellung des Produkts, zusammen in einer Organisation verbleiben. Derjenige, der das Geld verdient, soll auch derjenige sein, der es wieder investiert. Damit ist ein Wiederholungserfolg wahrscheinlicher [Gil13].

Es ist bei allen wirtschaftlichen Diskussionen wichtig, immer beide Seiten zu berücksichtigen: Angebot und Nachfrage. Wie wirkt sich eine Regulierung oder ein Gesetz auf die Nachfrage aus und welche Auswirkungen hat es auf der Angebots-Seite. Angebot und Nachfrage haben eine duale Stellung zueinander. Man kann sie sich gut als das Yin und Yang-Symbol der chinesischen Philosophie vorstellen.

Hier gibt es ein Henne-und-Ei-Problem, was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Erzeugt das Angebot die Nachfrage oder die Nachfrage das Angebot? Auf was sollten sich Regulierungen und Interventionen in der Wirtschaftspolitik konzentrieren? Hier gibt es auch unterschiedliche Schulen in den Wirtschaftswissenschaften:

  • Die Angebotspolitik („supply side“) sieht das Angebot als die wichtigere Seite. Politische Interventionen sollen Unternehmen unterstützen und das Angebot erweitern oder preiswerter machen.
  • Die Nachfragepolitik („demand side“) wiederum, deren berühmtester Vertreter John Maynard Keynes war, sieht die Nachfrage als Schlüsselelement. Interventionen sollen hier die Nachfrage erhöhen.

Auf welcher Seite ist mehr Wissen vorhanden? Beim Angebot oder bei der Nachfrage?

Mit den neuen technischen Möglichkeiten kamen Sozialisten auf die Idee, dass man jetzt mit dem Internet und den semi-automatisierten Fabriken eine (halb-) sozialistische Planwirtschaft durchführen könnte. Man bräuchte doch die Kunden mit einer „App“ nur zu fragen, welche Waren sie gerne hätten und dann könnte man das entsprechend „sozialistisch“ produzieren. Man hat die Nachfrage festgestellt und stellt einen großen Plan auf, nach der die Angebotsseite zu organisieren ist. Die Angebotsseite hat in der Planwirtschaft keinen „freien Willen“, sondern muss den Befehlen des Plans gehorchen.

Die Informationen über die Kundenwünsche wären wirklich relativ einfach ermittelbar, zum Beispiel mit einer WWW-Seite und „Apps“ für Mobiltelefone. Wir vernachlässigen hier mal den Einwand, dass man dazu den „gläsernen Bürger“ ohne Privatsphäre bräuchte, bei der der Staat das ganze Konsumverhalten des Menschen kennen würde. Also die Probleme der Nachfrageseite sind gelöst. Aber was ist auf der Angebotsseite? Macht die einfach so weiter wie bisher? Wie entstehen dann neue Produkte? Die Angebotsseite ist in Wirklichkeit nämlich sehr viel komplizierter als die Nachfrage-Seite. Es ist ein sehr komplexes Netzwerk, wie wir von der Geschichte „Ich, der Bleistift“ wissen. In der folgenden Abbildung sind jetzt auch zwei „Zulieferfirmen“ eingezeichnet:

Die Firma benutzt die Produktionsmittel (PM) P und Q zur Erstellung der Waren V und W. Als ein Produktionsmittel versteht man eine Ware, die für die Herstellung anderer Waren benutzt wird. Ein Roboter in einer Fabrik ist ein Produktionsmittel. Ein Ofen bei einem Bäcker auch. Die Einteilung von Produktionsmittel hängt auch von der Verwendung ab: Ein Laptop bei einem Journalisten, der damit Texte schreibt, die er verkauft, ist ein Produktionsmittel. Der Laptop ist keines mehr, wenn der Journalist damit Computerspiele spielt. Eine offene Frage der sozialistischen Gesellschaften war, wer entscheidet, wann was Produktionsmittel ist und verstaatlicht gehört oder Privatbesitz ist.

Jetzt hat die Firma F das Produktionsmittel P eingesetzt, um V zu produzieren. Wer entscheidet, wie lange P eingesetzt wird und wann es gegen ein neueres Produktionsmittel eingetauscht wird? Wenn man es zum richtigen Zeitpunkt verkauft, kann man evtl. noch Geld damit machen. Wenn es kaputt geht, wird es repariert oder ersetzt. Diese Entscheidungen werden in einer Wirtschaft in der die Produktionsmittel in privatem Besitz sind dezentral entschieden, jede Firma entscheidet selbst. Dass die Firma überhaupt herstellen kann, entscheiden die Kunden, die das Produkt kaufen.

Die Komplexität der Angebotsseite der Wirtschaft ist vielen Befürwortern einer „geplanten“ Wirtschaft verborgen. Auch wenn man im Zeitalter des Internets die Nachfrage der Endverbraucher einfach ermitteln kann, wer bestimmt, welche Produktionsmittel P und Q hergestellt werden? Welche Mittel sollen dazu wiederum aufgewendet werden?

In vielen Varianten des Sozialismus sollen diese Produktionsmittel verstaatlicht werden und eine zentrale Planwirtschaft eingeführt werden. Um diesen Plan erstellen zu können, muss man aber über das Wissen der Angebotsseite verfügen. Das in der Marktwirtschaft verteilte Wissen in den einzelnen Firmen, muss deshalb zentralisiert werden. Die „Übertragung“ von Wissen an ein Planungsministerium ist aber alles andere als einfach. Wissen lässt sich von Menschen nur „erlernen“ und nicht einfach „übertragen“. Dieses „Wissensproblem“ der zentralen Planwirtschaft stammt aus dem bereits erwähnten Werk von Hayek [Hay48]. Eine Zentralisierung der Wirtschaft würde sehr viel wirtschaftliche Macht in die Hände von wenigen Planungsbeamten legen. Es ist der Vorteil einer Marktwirtschaft, dass sowohl das Wissen, als auch die Macht dezentralisiert sind, je verteilter, desto besser [Gil13].

Eine weitere Frage ist, wer den Preis der Produktionsmittel bestimmt, wenn sie alle im Besitz des Staates sind? Der Staat wäre dann ja Verkäufer und Käufer in einer Person. Es gäbe dann keinen Markt für Produktionsmittel und keine Preise. Damit kann es keine Wirtschaftsrechnung geben. Wann sollte ein Produktionsmittel durch ein neues ersetzt werden? Das kann man ohne Preise nicht effizient beantworten. Dieses Argument wurde 1922 vom österreichischen Ökonom Ludwig von Mises in seinem Buch „Die Gemeinwirtschaft“ veröffentlicht [Mis49]. Das Problem betrifft allerdings jedes Monopol, auch große monopolistische Unternehmen.

Der Markt

Angebot und Nachfrage werden auf einem Markt zusammengeführt. In der physikalischen Welt ist ein Markt meistens ein Platz in der Innenstadt, auf denen früher Händler ihre Waren angeboten haben. In vielen Städten gibt es diese Marktplätze noch, aber die meisten Konsumgüter werden in Supermärkten und Warenhäusern gehandelt.

Ein Markt im theoretischen Sinn ist eine Menge von Verkäufern, von Käufern, von Waren und von Preisen. Hier gibt es verschiedene Varianten:

  • Ein freier Markt ist nicht reguliert, d.h. es gibt keine Einschränkung durch den Staat oder anderen. Hiervon gibt es nicht mehr so viele in der reellen Welt. Aber viele Open-Source-Software ist noch frei, wie z. B. Programmiersprachen und Datenbanken.
  • In einem regulierten Markt gibt es staatliche Vorgaben, wie z. B.
    • Nur bestimmte Verkäufer werden zugelassen, z. B. durch Lizenzvergabe, wie bei Taxis oder Banken
    • Nur bestimmte Käufer werden zugelassen, wie z. B. beim Großhandel
    • Es gibt Preisvorgaben, wie Höchstpreise oder Mindestpreise
    • Es gibt Ökologische Richtlinien
    • Arbeitsrechtlich: Ein Betrieb einer bestimmten Größe muss einen Betriebsrat haben
  • Auf einem Schwarzmarkt werden vom Staat verbotene Waren verkauft, wie z. B. Waffen und Drogen. Auch werden Angebote, bei denen die notwendigen Steuern und Abgaben nicht gezahlt wurden, zum Schwarzmarkt gezählt, wie z. B. nicht verzollte Waren oder Schwarzarbeit.

Wenn man ein agentenbasiertes Modell für eine Simulation schreiben will, reicht eine umgangssprachliche Beschreibung eines Markts natürlich nicht aus. In ihrem Buch „Networks, Crowds, and Markets: Reasoning About a Highly Connected World“ führen David Easley und Jon Kleinberg in die mathematische und algorithmische Theorie der Märkte ein [EK10].

Matching market

Ein „Matching market“ ist ein möglichst einfaches Beispiel für einen Markt. Wir nehmen als Beispiel an, Anton, Berta und Charlie haben ein Startup gegründet und müssen sich einen Laptop, einen PC und eine Workstation teilen. Aber nicht jeder will an jedem Gerät arbeiten. Jeder hat seine Vorlieben, seine Präferenzen. Anton, z. B. würde am Laptop und an der Workstation arbeiten, Berta nur am Laptop und Charlie am PC oder der Workstation. In der folgenden Abbildung sind die drei Personen und die drei Geräte schematisch dargestellt.

Die Präferenzen werden als (ungerichtete) Kanten zwischen den beiden Knoten dargestellt. Ein solcher Graph wird bipartiter Graph genannt, weil er zwei verschiedene Sorten von Knoten hat (Menschen und Geräte) und eine Kante immer beide Sorten verbindet.

Ein „Matching“ ist eine Lösung, die für jede Person eine Kante zu einem unterschiedlichen Device ermittelt, also für jede Person ein Device findet. Hier wurden in der Informatik viele verschiedene Algorithmen entwickelt [CLRS09]. In folgender Abbildung ist ein solches „Matching“ durch dickere Kanten symbolisiert.

Anton nimmt die Workstation, Berta den Laptop und Charlie den PC.

„Matching Markets“ sind die denkbar einfachsten Märkte. Einen Algorithmus für ein einfaches Problem kann man oft erweitern. Eine solche Erweiterung wäre z. B., dass man die Präferenzen noch ordnen könnte. Anton könnte dann z. B. sagen, dass er lieber am Laptop als an der Workstation arbeiten würde. Hierdurch wird ein Matching zu einem Optimierungsproblem. Man möchte nicht nur irgendein Matching finden, sondern das „optimalste“, so dass möglichst jeder an seinem Lieblingsgerät arbeiten kann. Auch für dieses Problem wurden Algorithmen entwickelt [EK10].

Ein Markt mit Preisen

Eine andere Erweiterung sind Preise. Hierzu benutzen wir ein anderes Beispiel (frei nach [EK10]): Anton, Berta und Charlie waren mit ihrem Startup sehr erfolgreich und jetzt will jeder eine Villa kaufen. Es stehen drei Villen zur Auswahl Blau, Türkis und Lila. Jeder Besitzer einer Villa gibt einen Verkaufspreis an: Villa Blau für 3, Villa Türkis für 4 und Villa Lila für 2.

Für jedes Haus geben Anton, Berta und Charlie ein Wertgutachten ab. Anton z. B. schätzt den Wert der Villa Blau auf 5, den Wert der Villa Türkis auf 6 und den Wert der Vila Lila auf 3. Jetzt wird für jedes Wertgutachten die Differenz zu den geforderten Preisen berechnet. Anton schätzt den Wert der Villa Blau auf 5, während der Preis nur bei 3 liegt. Er macht also einen „Gewinn“ von 5 - 3 = 2. Bei Villa Türkis sind es auch 6 - 4 = 2, während es bei Villa Lila nur 3 - 2 = 1 sind. Also möchte Anton die Villa Blau oder die Villa Türkis kaufen, weil die Differenz dort am höchsten ist. Deshalb sind in obigem Graph Kanten zwischen Anton und diesen beiden Villen gezogen worden. Analog dazu wird mit Berta und Charlie verfahren.

Damit wird das neue Problem auf das bekannte bipartite Matching-Problem zurückgeführt aus dem vorherigen Beispiel. Es ist eine übliche Technik in der Informatik, neue Probleme auf bekannte Probleme zurückzuführen, für die es schon ein Lösungsverfahren gibt Eine optimale Lösung für ein „Matching“ wird hier Marktgleichgewicht genannt („market clearing price“). In diesem Fall kauft Anton die Villa Türkis, Berta die Villa Blau und Charlie die Villa Lila.

Wichtig: Ein Markt ist ein Algorithmus zur Lösung der Beziehung von Angebot, Nachfrage und Preis.

In der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur gibt es unzählige Erkenntnisse über Märkte, dem interessierten Leser sei das Buch von Easley und Kleinberg empfohlen [EK10].

Kritik an der Marktwirtschaft

Märkte lassen sich also formalisieren und sind ein Algorithmus. Manche Kritiker sprechen von „Marktradikalen“ oder „Markradikalismus“. Das ist genauso unsinnig, wie von „Mathematikradikalen“ oder „Chemieradikalen“ zu sprechen.

In politischen Diskussionen wird bei Wirtschaftskrisen von „Marktversagen“ gesprochen und meistens werden damit Forderungen nach einer „besseren“ Regulierung durch den Staat verbunden. Hier wird von den Kritikern dem Markt meistens eine Fähigkeit unterstellt, die er nicht hat. Ein Markt kann z. B. nur dann die Umwelt schützen, wenn die Umwelt auch „teuer“ ist. Wenn eine Firma einen Regenwald einfach abholzen darf für einen geringen Preis, dann ist das ein Problem des Waldeigentümers und nicht des Markts. Warum gibt der Waldeigentümer das Holz so billig ab? Wahrscheinlich ist der Eigentümer ein Staat, denn ein Unternehmen würde aufgrund der Gewinnorientierung den Wald so teuer wie möglich verkaufen. Das ist ein Beispiel für die „Tragik der Allmende“. Ein Markt kann auch unmoralisch sein, wie z. B. die Vermittlung von Auftragsmördern oder von gefährlichen Giften. Das ist aber kein Problem des Markts an sich, sondern der jeweiligen Menschen, die solche Sachen anbieten oder kaufen. Ein Markt ist das Resultat von den Handlungen von Menschen und spiegelt damit auch die gesellschaftlichen Probleme dar. Das ist kein Grund, die Funktionalität von Märkten als solche in Frage zu stellen.

Man sollte hier auch betonen, dass es „Märkte“ gibt, bei denen die Bezahlung nicht durch Geld erfolgt, sondern durch andere soziale Vorteile, wie gesellschaftliches Ansehen oder Sex. Die Tanzfläche einer Diskothek ist auch ein Marktplatz.

Gewinnorientierung, Bürokratie und soziale Unternehmen

Organisationen

Menschen organisieren sich, sie bilden Gruppen und Organisationen. Das haben sie schon zur Zeit der Jäger und Sammler gemacht, um ihre Überlebenschancen zu vergrößern. Später kamen dann Siedlungen hinzu, dann Städte, Reiche und Nationen. Heute gibt es auch virtuelle ökonomische und soziale Netzwerke.

In der Wirtschaft ist die meistgenutzte Organisationsform das Unternehmen. Unternehmen haben gegenüber einer losen Organisation von Individuen viele Vorteile [Mor07]:

  • Komplexe Güter können nur in der Zusammenarbeit hergestellt werden.
  • Die Massenproduktion bietet Kostenvorteile, die Produkte können billiger hergestellt werden.
  • Menschen können innerhalb einer Firma besser zusammenarbeiten, weil die Kommunikation direkter ist und weil die Verantwortlichkeiten und Aufgabenbereiche klar definiert wurden.
  • Ein Unternehmen reduziert die sog. Transaktionskosten. Theoretisch könnte ein Unternehmen von einer einzelnen Person betrieben werden, die alle benötigten Leistungen von anderen Firmen einkauft. Das wäre aufgrund der vielen Verträge und Kaufabschlüsse umständlich und würde auch den Preis der Produkte erhöhen.
  • Innovationen sind evtl. viele Millionen Euros wert und daher Geschäftsgeheimnisse. Diese lassen sich innerhalb einer kleinen verschworenen Gemeinschaft, wie z. B. einem Startup, besser geheim halten [TM14].

Als Technik zur Verwaltung solcher Organisationen hat sich das „Management“ etabliert. Die Organisation wird meistens in bestimmte Teile gegliedert, das Personal wird oft hierarchisch organisiert und Unternehmensziele werden vorgegeben. Hier gibt es sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten im Detail. Gareth Morgan liefert in seinem Buch „Bilder der Organisation“ viele Blickwinkel, aus denen man Organisationen betrachten kann [Mor07]. Früher wurden Organisationen als Maschinen angesehen und bestanden aus einzelnen Abteilungen, die über eine zentralisierte Bürokratie verbunden waren. Sie waren stark hierarchisch, bürokratisch und mechanistisch. Heute sieht man Unternehmen eher als Organismen, die über eine Art Nervensystem miteinander verbunden sind.

Gewinnorientiert vs. Bürokratie

In der Vergangenheit gab es – vereinfacht und etwas provozierend formuliert – für das oberste Organisationsprinzip einer Organisation nur folgende zwei Möglichkeiten [Mis44]:

  • Gewinnorientiert
  • Bürokratisch

Ein gewinnorientiertes Unternehmen versucht, mehr Einnahmen als Ausgaben zu haben. Das Unternehmen kann sich selbst finanziell tragen, benötigt keine Subventionen oder Steuergelder. Eine „Gewinnorientierung“ erlaubt eine einfachere Struktur der Organisation und „flache Hierarchien“ [Mis44]. Die einzelnen Abteilungen eines Unternehmens können unabhängig voneinander arbeiten, so lange die einzelnen Abteilungen „profitabel“ sind. Dadurch wird es den Firmenbesitzern möglich, dem Abteilungsleiter zu sagen „du kannst machen, was du willst, nur die Zahlen müssen stimmen“. Der Abteilungsleiter ist damit relativ „frei“ in seinen Möglichkeiten.

Ein Beispiel hierfür ist das „Franchising“. Beim „Franchising“ werden Lizenzen für die Benutzung von Geschäftskonzepten vergeben [GFC13]. Der Franchise-Geber besitzt den Markennamen, das Design, Trademarks und die Produkte und lizensiert diese an den Franchise-Nehmer. Der Franchise-Nehmer ist in der Regel ein Unternehmer, der finanziell unabhängig ist und die volle finanzielle Verantwortung übernimmt. Das Geschäftsmodell „Franchising“ hat auch den Vorteil, dass es ausnutzt, dass das Wissen über die Kunden vor Ort dezentral bei den einzelnen Unternehmern vorhanden ist. Somit ist voraussichtlich der Service besser und die Mitarbeiter kennen sich besser aus.

Die Bürokratie und bürokratische Methoden sind schon sehr alt und sind im Verwaltungsapparat von allen Staaten vorhanden, dessen Herrschaft sich über ein größeres Gebiet erstreckt. „Bereits die Pharaonen des alten Ägypten und die Kaiser Chinas errichteten riesige bürokratische Maschinerien“ schrieb von Mises [Mis44]. Die Bürokratie ist die Organisationsform des „politischen Mittels“. Was konnte ein König früher tun, wenn er in einer weit entfernten Provinz einen Stellvertreter ernennen wollte? Es bestand die Gefahr, dass der Stellvertreter nicht loyal war und „seine Macht missbraucht“. Der König kann ihm daher nicht sagen, „mache, was Du willst“, sondern muss ihm Vorschriften und Regeln machen. Staatliche Bürokratie besteht laut von Mises aus der „Ernennung“ eines Beamten und der Verpflichtung auf bestimmte Gesetze und Vorschriften, die er unbedingt einzuhalten hat. In Bürokratien wird die Arbeitsteilung über Hierarchien und Vorschriften organisiert. Dieses führt u. a. dazu, dass sich Bürokratien nicht von selber ändern und an neue Bedingungen anpassen können. Eine Bürokratie ist „konservativ“, denn jeder Beamter ist darauf geeicht, die Vorschriften zu achten und sie nicht in Frage zu stellen. Eine Bürokratie ist ein kompliziertes System, aber kein komplexes, denn dazu fehlen die „bottom-up“-Prozesse.

Die Bürokratie ist das Mittel der Politik. In einer Welt mit ständig schneller werdenden technischen Fortschritt, wird die starre Bürokratie notwendigerweise immer hinterherhinken und unnötig kompliziert sein. In Deutschland gibt es regelmäßig Diskussionen über die „Komplexität“ einer Steuererklärung, diese müsse „auf einen Bierdeckel passen“. Das wird nie geschehen, weil das weder „top-down“ noch „bottom-up“ geändert werden kann. Viele Steuerberater verdienen aufgrund dieser künstlichen bürokratischen „Kompliziertheit“ ihr Geld.

Jetzt gibt es aber in heutigen Unternehmen auch Bürokratie. Als Faustregel gilt, je größer das Unternehmen, desto größer auch die Bürokratie. Die Bürokratie entsteht in den Firmen auch aufgrund der Erfüllung gesetzlicher Auflagen. Diese gesetzlichen Auflagen verursachen Kosten, die den Kunden über höhere Preise oder den Angestellten über niedrigere Löhne in Rechnung gestellt werden.

Soziale Unternehmen

Gewinnorientierung bedeutet nicht, dass der Gewinn „maximiert“ werden muss, dass die Umwelt geschädigt wird oder Mitarbeiter ausgebeutet werden, wie das oft in den Medien dargestellt wird. Ein gewinnorientiertes Unternehmen muss eigentlich nur „genügend“ verdienen. Als Beispiel sei der „Fair Trade“ genannt. Hier sind in den letzten Jahrzehnten Unternehmen entstanden, die auf der einen Seite zwar gewinnorientiert sind, auf der anderen Seite, bestimmte soziale Ziele verfolgen, wie z. B. die „faire Bezahlung von ArbeiterInnen in der sog. dritten Welt“.

Das in den heutigen Unternehmen die „Profitorientierung“ teilweise so unmenschliche Züge annimmt, liegt auch am „Kapitalismus ohne Eigentümer“ [Gil13] . Die meisten heutigen großen Unternehmen sind Aktiengesellschaften, die niemandem gehören und wo am Ende auch niemand wirklich verantwortlich ist. Die Angestellten der AG können nur wohlhabend werden, wenn sie möglichst viele Werte aus dem Unternehmen „extrahieren“, wie es z. B. die Manager mit ihren hohen Managergehältern machen.

Gewinnorientierung bedeutet auch nicht, dass der Gewinn der Gewinn von Geld sein muss. Eine Umweltorganisation kann ihren Gewinn als „Schutz der bedrohten Tierarten“ sehen. Ein soziales Unternehmen kann seinen Gewinn als „Anzahl der Menschen mit Lese- und Schreibkenntnissen“ sehen oder als „wie viel Prozent der Menschen können sich ein Medikament“ leisten. Hier ist in den letzten Jahren eine neue Art von Unternehmen entstanden, das „for-benefit“-Unternehmen [CK14] und der sog. „vierte Sektor“. Auf dem folgenden Diagramm sind die verschiedenen Arten von Organisationen eingezeichnet:

Viele Organisationen beziehen ihr Einkommen z. B. durch Spenden oder Steuern von außen, wie z. B. die sog. Nicht-Regierungs-Organisationen („non-governmental organization“, NGO). Diese Organisationen haben oft soziale Ziele und betreiben daher keine Gewinnmaximierung. Daher haben sie dann allerdings höchstwahrscheinlich den Nachteil, dass sie sehr bürokratisch sind und das Geld nicht da ankommt, wo es eigentlich hin soll. Traditionelle Firmen hingegen sind „for-profit“ und beziehen ihr Einkommen von „Innen“, d.h. generieren es selber, haben aber keine sozialen Ziele.

Der sog. „vierte Sektor“ (der erste Sektor ist der Staat und nicht im Diagramm eingezeichnet) sind „for-benefit“ Unternehmen, die ihr Einkommen selber generieren, also gewinnorientiert aber nicht profitmaximierend sind1. Sie sind eine Mischung aus NGO und Firma, die die Vorteile von beiden miteinander vereinbaren möchte. Ein solches „for-benefit“-Unternehmen muss sich rechtlich explizit auf die zu erreichenden Ziele festlegen. Beispiele für solche Ziele sind z. B. „Herstellung eines Medikaments, das sich 95% der Bevölkerung leisten kann“ oder „Anschluss an das Internet für 99% der Menschen“.

Allerdings fehlt hier in vielen Ländern noch der notwendige Rechtsrahmen, der sicherstellt, dass aus diesen Firmen nicht einfach Kapital extrahiert werden kann und sie daher zu „for-profit“-Unternehmen umfunktioniert werden. In den USA sammelt man seit 2010 mit dieser Unternehmensform Erfahrungen [CK14] Eine Aufgabe für die Politik wäre also, sich um die gesetzlichen Grundlagen für „for-benefit“-Unternehmen zu kümmern anstatt „politische Debatten“ über die Informationstechnologie zu führen.

Evolution und Dynamik

Die Welt ändert sich stetig. Unternehmen entwickeln neue Produkte, Forscher machen neue Erfindungen, Musiker schreiben neue Lieder, Dichter schreiben neue Gedichte, Menschen ändern ihren Geschmack und ihre Gewohnheiten. Die Welt ist dynamisch. Heraklit von Ephesos (520 - 460 v. Chr.) drückte es vor Jahrtausenden schon folgendermaßen aus: „alles fließt“ („panta rhei“). Wie wir im Rest des Buches aber noch lernen werden, fließt heute alles schneller als früher und in der Zukunft wird es noch schneller fließen.

Menschen machen neue technische Erfindungen, die wiederum neue soziale Erfindungen auslösen können. Das Telefon z. B. hat das soziale Verhalten der Menschen geändert. Eine Fabrik ist der Ausdruck des aktuellen Wissenstands einer Gesellschaft über Technik, Management, Psychologie und Prozess-Organisation. Die Technik beeinflusst das soziale und wirtschaftliche Leben und umgekehrt.

Erfindungen unterscheiden sich bezüglich ihres Einflusses auf das allgemeine Leben. Es gibt Erfindungen, die das Leben sehr stark verändern, wie z. B. das Internet. Und es gibt Erfindungen, die nur einen kleinen Teil der Menschheit betreffen, wie z. B. eine Methode zur schnelleren Herstellung von ostfriesischem Kandiszucker („Kluntje“). Eine Erfindung mit sehr großen Auswirkungen wird Allzwecktechnik („general purpose technology“, GPT) genannt. Beispiele hierfür sind die Dampfmaschine, die Elektrizität und die Informationstechnologie (IT). Eine Allzwecktechnik ist oftmals alleine noch nicht sehr sinnvoll, sondern benötigt erst weitere komplementäre Erfindungen, die diese Technik ergänzen. Die Menschen müssen bei solchen neuen Erfindungen erst herausfinden, wie sie diese am besten einsetzen können [BA14]. Daher verläuft die Einführung einer neuen Erfindung in einer sog. S-Kurve, wie in der folgenden Abbildung dargestellt:

Im Diagramm löst eine neue Technik eine ältere Technik ab. Die Entwicklung hat die folgenden Phasen [Kur06]:

  1. Träumer: die Leute träumen von der neuen Technik „wäre es nicht schön, wenn …“
  2. Erfindung
  3. Entwicklung: aus der Erfindung muss ein Produkt werden, dass in der Massenproduktion gefertigt wird.
  4. Reifung: die Technik wird schrittweise verbessert
  5. Die Technik bedroht die alte Technik, aber etwas fehlt noch
  6. Übernahme: die Technik übernimmt den Markt
  7. Antiquität: die Technik ist veraltet und nur etwas für Liebhaber, wie z. B. heute die Schallplatten (ca. 5 - 10% der Lebensdauer)

Die Geschichte der Technik ist ein evolutionärer Prozess von hintereinander folgenden S-Kurven. Jede Phase erstellt bessere „Werkzeuge“ für die nächste Phase [Kur06].

Ganz wichtig ist, dass sich die Gesellschaft auch an die neuen Möglichkeiten anpassen kann. Wenn die Politik z. B. den Einsatz von neuen Robotern verbietet oder teurer macht, dann wird die Entwicklung verzögert [BA14]. Heutzutage sind viele Unternehmen aus der sog. Sharing-Economy, wie z. B. Uber oder airbnb sehr umstritten. Viele etablierte Unternehmen fordern politische Schritte gegen die neue Konkurrenz.

Wenn in einer Wissenschaft etwas ganz Neues herausgefunden wurde, wie z. B. die Relativitätstheorie in der Physik, dann spricht man von einem „Paradigmenwechsel“, der auch in einer solchen S-Kurve verläuft [Kuh12]. Bei einem Paradigmenwechsel wird ein großer Teil der bisherigen Erkenntnisse abgelöst, da er mit dem neuen Paradigma nicht mehr übereinstimmt. Bei einem Paradigmenwechsel gibt es in den Wissenschaften auch erhitzte Diskussionen zwischen etablierten Wissenschaftlern des alten Paradigmas und den „Innovativen“. Da die Wissenschaft hauptsächlich in staatlichen Universitäten und Forschungseinrichtungen stattfindet und bürokratisch und hierarchisch organisiert ist, haben es hier die „Neuen“ wesentlich schwerer als in einer Marktwirtschaft. In einer Marktwirtschaft können sie ihr eigenes „Ding“ machen und ein Startup gründen, während man im Universitätsbetrieb nur weiterkommt, wenn das durch die hierarchisch Übergeordneten abgesegnet wurde.

Innovationen durch kollektive Intelligenz

Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie Innovationen entstehen. Am plausibelsten ist die Theorie der kombinatorischen Innovation [BA14]. Nach dieser entstehen Innovationen durch die neue Kombination von schon bekannten Teilen. Diese „Kombination“ ist aber in der Regel nicht trivial und zum Finden kann eine Menge Arbeit erforderlich sein.

Ein „Erfinder“ ist heutzutage in der Regel keine einzelne Person mehr, die alleine in einer „stillen“ Kammer arbeitet, sondern eine Gruppe von Spezialisten, die ihr Wissen teilen. Bei einer Erfindung müssen bekannte Teile neu miteinander verbunden werden: Eine Datenbank, ein Webserver, eine App für Handys, etc. Zum Austausch von Ideen wird das Internet verwendet. Ist ein Fachbegriff unbekannt, wird er gegoogled. Gibt die Datenbank eine merkwürdige Fehlermeldung aus, wird beim Hersteller im Service-Portal oder bei einem Open-Source-Portal nachgeguckt.

Je mehr dieser „Erfinder“ einen Internetzugang haben, desto mehr Erfindungen können gemacht werden. Je mehr Erfindungen gemacht wurden, desto mehr Bausteine gibt es für weitere Erfindungen. Hier beschleunigt sich das Wachstum. Die Menschheit ist ein vernetztes Problemlösungsverfahren. Es ist eine „kollektive Intelligenz“ entstanden [Hin13, BA14].

Komplexe Ökonomie

Wenn man die komplexen Systeme und die agentenbasierte Modellierung erst mal kennt, erscheint einem die Ökonomie nicht mehr auf dem aktuellen Stand der Technik zu sein. Viele wirtschaftsmathematische Analysen benutzen die aus der Physik stammenden Gleichgewichte. Wenn man sich eine typische Einführung in die Volkswirtschaftslehre anguckt, wie z. B. die von Paul Krugman und Robin Wells [KW05], dann ist man erst mal erstaunt, dass die Wirtschaft nur aus der Vogelperspektive behandelt wird und eher eine statistische Wissenschaft als eine kausale Wissenschaft ist.

Aber das ist wahrscheinlich nicht mehr lange so, denn die Ökonomie befindet sich am Anfang eines Paradigmenwechsels: durch die Theorie der komplexen Systeme und der agentenbasierten-Modellierung soll die Ökonomie im 21. Jahrhundert zu einer „richtigen“ Wissenschaft werden: der komplexen Ökonomie („complexity economics“) [Bei07 , Art14, CK14].

Dieser „Paradigmenwechsel“ sollte laut Eric D. Beinhocker möglichst schnell vor sich gehen, denn er hat große Konsequenzen [Bei07]. Denn viele der bisherigen Erkenntnisse in Wirtschaft, Politik und der Gesellschaft sind allerhöchstens annähernd richtig und viele Teile sind falsch. Die Politik richtet daher eher Schaden an, als nützliche Entscheidungen zu fällen. Neue ökonomische Theorien haben laut Beinhocker in der Praxis immer große Änderungen ausgelöst: Adam Smith z. B. führte zum Freihandel und zur industriellen Revolution. Karl Marx führte einerseits zu Revolutionen und zum Sozialismus der Sowjetunion (Marxismus-Leninismus) und anderseits zum Wohlfahrtsstaat und zur Sozialdemokratie. Die deutsche Partei SPD nannte z. B. 2007 in ihrem „Hamburger Programm“ als ihr Ziel den „demokratischen Sozialismus“ und bezeichnet die „marxistische Gesellschaftsanalyse“ als eine Ihrer Wurzeln [SPD07]. Die neoklassischen Theorien der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts führten zum heutigen globalisierten „Kasino-Kapitalismus“ [Bei07].

Die folgende Tabelle fasst die Unterschiede zwischen der komplexen und der traditionellen Ökonomie zusammen:

Die Ökonomie steht also auch vor großen Änderungen. Aufgrund des bereits erwähnten „Twin Peaks“-Problem werden diese Änderungen aber voraussichtlich eher langsam stattfinden. Aber sie werden stattfinden. Denn die Theorie der komplexen Systeme und die „bottom-up“-Perspektive der agentenbasierten Modellierung erlaubt eine bessere Sicht auf die Realität als die bisher verwendeten Differentialgleichungen.

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