Die Geschichte

Handel, Technik und soziale Institutionen

Tausch führt zu Handel

Ötzi lebte vor ca. 5300 Jahren in der Kupfersteinzeit in den Ötztaler Alpen. Er war 1,54 m groß und starb mit ca. 45 Jahren. Ötzi hatte eine Axt aus 99% Kupfer. Das Kupfer stammt aus dem Salzburger Land, ca. 200km von seinem Fundort entfernt. Ötzi hatte auch einen Dolch mit einer Feuersteinklinge und einem Griff aus Eschenholz. In dem Feuerstein sind Fossilien eingeschlossen, die es nur in der Gegend vom Gardasee gegeben hat, mindestens 100km entfernt. In den Haaren hat man eine hohe Konzentration von Metallen gefunden, daher wird vermutet, dass er mit der Kupfer-Verarbeitung in Berührung kam. Die Verarbeitung von Kupfer ist so aufwendig, dass man nebenher keine anderen Arbeiten machen kann, geschweige denn Lebensmittel anbauen kann [Rid10].

Was sagt das über die Welt von Ötzi aus?

Es muss Handel und spezielle „Kupfer-Hersteller“ gegeben haben, die die notwendigen Werkzeuge für die Herstellung und Verarbeitung hatten. Die Gesellschaft von Ötzi war also schon entwickelt und kannte Spezialisierung, Arbeitsteilung, Handel und Tausch: es gab also schon eine Art „Marktwirtschaft“ 1.

Matt Ridley geht in seinem Buch „The Rational Optimist“ der Frage nach, was die wichtigste Erfindung des Menschen war [Rid10]. Was hat den Erfolg des Menschen verursacht? Wie entstand der Fortschritt?

Es ist der freiwillige Tausch! Erst als der Mensch „herausgefunden“ hatte, dass er mit anderen Waren tauschen kann, und das beide davon profitieren, unterschied er sich wirklich von den Tieren. Affen, wie z. B. Schimpansen, kennen gegenseitige Hilfe nach dem Motto „Wie Du mir, so ich Dir“ („Tit for Tat“). Wenn ein Schimpanse den anderen entlaust, dann wird der andere ihn auch entlausen [Fre14, Rid10]. Dieses Verhalten wird Reziprozität genannt. Wissenschaftler haben aber festgestellt, dass Affen nicht handeln könne. Dazu fehlt ihnen die „Logik“. Ein Affe kann etwas Nicht-essbares gegen etwas Essbares eintauschen. Er kann aber etwas Essbares, das er nicht so gerne mag, nicht gegen etwas anderes Essbares eintauschen, dass er eigentlich viel lieber mag. Diese „Intelligenz“ fehlt ihm [Rid10].

Der freiwillige Tausch ermöglicht erst die Arbeitsteilung. Menschen können sich auf bestimmte Berufe „spezialisieren“ und dennoch am Leben bleiben, da das wirtschaftliche Netz ihnen erlaubt, ihre Waren zu tauschen. Ötzi konnte eine Kupferaxt und ein Messer aus Feuerstein bei einem „Werkzeugmacher“ erwerben. Ohne diesen Tausch ist nur ein Leben aus Subsistenzniveau möglich. Jeder muss seine eigenen Lebensmittel „jagen und sammeln“ und kann kein Fachwissen aufbauen, weil die Zeit dazu fehlt. Ohne Arbeitsteilung ist kein Fortschritt möglich [Rid10].

Der freiwillige Tausch zwischen zwei Personen ist für beide positiv, es ist eine Win-Win-Situation. Die Person A hat zu viel X und möchte gerne Y haben, Person B hat zu viel Y und möchte gerne X haben. Also können sich die beiden darauf einigen X und Y miteinander zu tauschen. Das Verhältnis, wie viele X die Person B für ein Y bekommt ist der Preis. Der Wert wird durch den Tausch festgesetzt. Es ist ein subjektiver Wert [Mis49]. Jede Person bestimmt aufgrund ihrer persönlichen Präferenzen, ob sie bei dem Austausch profitiert: „Was möchte ich lieber haben? 3 X oder 2 Y?“.

Das Preise subjektiv und nicht objektiv sind, hat zuerst der Ökonom Carl Menger (1840 - 1921) untersucht, der heute als „Gründer“ der sog. Österreichischen Schule gilt. Viele andere Ökonomen, wie z. B. Karl Marx, glaubten damals noch an einen objektiven Wert von Gütern und Arbeit. Damit hatten sie aber starke Schwierigkeiten, weil sie viele Fragen damit nicht zufriedenstellend klären konnten. Warum zahlen manche Menschen für berühmte Gemälde sehr viel Geld? Weil sie es wert sind? Oder weil es Menschen gibt, die es so wertvoll finden?

Vom Handel zum Wohlstand

Die „Erfindung“ des Tauschs und des Handels blieb aber nicht ohne Folgen. In der nächsten Abbildung wird die Entwicklung vereinfacht dargestellt:

Durch die „Erfindung“ des Tausches wurde der Handel möglich. Die Menschen können Arbeit auf verschiedene Menschen aufteilen. Dadurch ist es Menschen möglich, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, sich zu spezialisieren. Diese „Spezialisten“ haben dann Sachen herausgefunden, die vor Ihnen keiner herausfand, weil bisher niemand anderer so viel Zeit in ein Fachgebiet stecken konnte. Neue Produkte, wie z. B. Kupferäxte entstanden und der Fortschritt war geboren. Danach waren die Menschen zusammen sehr viel erfolgreicher, als sie es alleine wären. Die gesamte Gesellschaft wird „wohlhabender“. Es geht den meisten zusammen besser als alleine. Wohlstand ist die Möglichkeit, die Produkte und Dienstleistungen anderer zu nutzen, von denen man selber nicht weiß, wie sie hergestellt werden. Es entstand – in den Worten von Matt Ridley – eine „kollektive und kumulative Intelligenz“, die sich durch Handel und Arbeitsteilung durch Spezialisierung auszeichnet.

Technik und gesellschaftliche Entwicklung

Die Spezialisierung führt dazu, dass Menschen ihr Handwerk und ihre Werkzeuge, sprich ihre Technologien, verbessern. Viele der technischen Erfindungen haben große Auswirkungen auf die Gesellschaft. Auf technische Erfindungen folgen oft auch „soziale Erfindungen“. Als Beispiel sei der Buchdruck oder das Internet genannt. Das Internet hat die sozialen Netze ermöglicht, durch die die Welt zum „globalen Dorf“ geworden ist und z. B. geholfen hat, den „Arabischen Frühling“ im Jahr 2011 einzuleiten.

Es gibt auch Erfindungen, die nicht technisch, sondern nur gesellschaftlich sind. Viele gesellschaftliche Normen und Werte sind „Erfindungen“. Ein Beispiel hierfür ist die sog. goldene Regel „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“. Weitere Beispiele sind z. B. die Herrschaft des Rechts („rule of law“), die Demokratie, Kredite, Respekt von Eigentum und die freie Presse. Diese gesellschaftlichen Erfindungen sind nicht weniger wichtig als die technischen [Rid10]. Im Gegenteil ohne eine stabile Gesellschaft mit einer gewissen „Ordnung“ kann die Wirtschaft nicht existieren. Das Wort „Ordnung“ wird im Deutschen oft mit Autorität, dem Kaiserreich oder einer Diktatur assoziiert. Diese Art von „Ordnung“ könnte man als „top-down“-Ordnung bezeichnen und ist hier nicht gemeint. Es gibt auch Normen und Regeln, die „bottom-up“ in der Gesellschaft entstehen, die man auch als „Ordnung“ auffassen kann.

Fortschritt geschieht also durch technische und soziale Erfindungen. Wie lässt sich Fortschritt oder die Zivilisation dann aber messen? Ist die Welt besser geworden? Hat es wirklich Fortschritt gegeben? Oder befindet sich die Welt auf einem rückläufigen Kurs? Wenn man etwas bewerten will, muss man ein Vergleichskriterium haben. Der britische Historiker Ian Morris hat in seinem Buch „Wer regiert die Welt: Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden“ ein solches Vergleichskriterium entwickelt: den „Index der gesellschaftlichen Entwicklung“ [Mor11, BA14]. Hierzu hat Morris sehr viele Daten gesammelt und die westliche Zivilisation mit der östlichen Zivilisation verglichen. Der Index soll ausdrücken, wie gut eine Gesellschaft ihre physikalische und intellektuelle Umwelt meistern konnte und besteht aus den folgenden Attributen:

  • Energieausbeute:
    • Wieviel Kalorien kann ein Mensch für die Nahrung bekommen?
    • Wieviel Energie steht für Arbeit, Handel, Industrie, Transport und Ackerbau zur Verfügung?
  • Gesellschaftliche und wirtschaftliche Organisation
    • Die Größe der Städte und Organisationen
  • Kriegsführung und -technik
    • Anzahl der Truppen, Waffen, Logistik
  • Informationstechnik
    • Die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Informationsverarbeitung
    • Und wie diese in Anspruch genommen wurden

Diese vier Merkmale hat Morris „quantifiziert“, d.h. als Zahlen ausgedrückt und zu dem genannten Index zusammengefasst. Mit diesem Index vergleicht Morris dann verschiedene Zivilisationen miteinander. Das ist zwar auch ganz interessant, aber nicht für dieses Buch wichtig. Denn hier kommt es nur darauf an, dass ein Historiker verstanden hat, wie wichtig die Informationstechnik wirklich ist.

Wichtig: Die Informationstechnik ist ein wesentlicher Faktor für die Zivilisation und den Fortschritt.

Dieser Historiker spricht hier nicht von einem „technologischen Totalitarismus“, wie es deutsche „Intellektuelle“ und Politiker tun, sondern versteht die Wichtigkeit der Informationstechnik [Sch15]. Dass die Informationstechnik so wichtig ist, liegt nicht daran, dass irgendwelche „Kapitalisten“ unbedingt Geld verdienen wollen, sondern daran, dass die IT eine wichtige Aufgabe erfüllt. Die in diesem Buch behandelten Themen sind also wichtig für den Fortschritt. Eine „politische Debatte“ und eine politische Einflussnahme kann demnach zu einer bedrohlichen Angelegenheit werden, wenn die Politik hier die falschen Weichen stellt.

Wichtig: Eine falsche Regulierung der IT hat wahrscheinlich fatale Auswirkungen.

Das ökonomische Mittel

Theory-of-Constraints

Die Produktionsfaktoren eines Produkts oder einer Dienstleistung sind alles, was zur Produktion dieses Produkts oder der Dienstleistung erforderlich sind. Es sind die „Zutaten“ oder der „Input“. Hierzu zählen z. B. Wissen, Kapital, Zeit, Arbeit und Land. Der israelische Unternehmensberater Eliyahu M. Goldratt (1947 - 2011) hat in seiner „Theory of Constraints“ beschrieben, dass es bei organisierter Arbeit, wie z. B. in einer Fabrik, immer einen Engpass („constraint“) gibt, der verhindert, dass schneller oder besser produziert wird [GC12].

In der folgenden Abbildung sei mal sehr abstrakt ein Teil einer Fabrik mit drei Maschinen dargestellt.

Die erste Maschine kann 10 Stück pro Minute verarbeiten, die zweite 5 pro Minute und die dritte 20 pro Minute. Der Engpass hier ist die Maschine in der Mitte und ist deshalb eingefärbt. In diesem Beispiel ist es kinderleicht, den Engpass zu finden. In der Realität ist das bei Produktionsprozessen natürlich nicht so einfach. Denn diese bilden ja – wie wir bereits wissen – ein Netzwerk und keine einfache Kette.

Der Engpass ist der limitierende Faktor, der das ganze System einschränkt. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man verbessert den Durchsatz der mittleren Maschine auf 20/min. Dann wird die erste Maschine der limitierende Faktor. Oder man akzeptiert die 5/min und passt die erste und die letzte Maschine an und tauscht sie gehen preiswertere Maschinen mit einer Geschwindigkeit von 5/min aus. Damit würde man die Kosten senken.

Die Verbesserung eines solchen Ablaufs nennt man auch Prozessoptimierung. Wichtig hier ist die Erkenntnis, dass man sich bei einer solchen Prozessoptimierung nur um den Engpass kümmern muss. Eine Verbesserung der anderen Teile wäre reine Zeitverschwendung. Es gibt also die drei wichtigen Fragen [Pea15]:

  • Wie sieht das System aus?
  • Was ist der limitierende Faktor?
  • Was ist der beste Weg, dieses Limit zu verbessern?

Dieses klingt jetzt sehr einfach wie aus einem Kinderbuch, aber in der Praxis ist es das wohl nicht, ansonsten hätte Eliyahu M. Goldratt nicht mehr als 6 Millionen Exemplare seines Buches „The Goal“ verkauft.

Die Entwicklung der Engpässe

Der Unternehmensberater Ron Davison hat mit Hilfe der „Theory of Constraints“ die Geschichte der Menschheit untersucht. In seinem Buch „The Fourth Economy“ hat er die Geschichte als Geschichte der Engpässe der Produktionsfaktoren beschrieben [Dav11]. Die folgende Tabelle stellt die Geschichte der Produktionsfaktoren dar:

In jedem Zeitalter gab es das „Limit“, den limitierenden Produktionsfaktor und entsprechende Institutionen und Organisationen, die diesen Produktionsfaktor benutzt haben. Weil alle diesen limitierenden Produktionsfaktor benötigten, wurde er oft knapp und es gab Kämpfe und Kriege um ihn. Aufgrund des technologischen und sozialen Fortschritts änderte sich der limitierende Produktionsfaktor. Dann erfolgt eine Art Phasenübergang, bei dem sich auch die dominante Institution änderte.

Heutzutage werden alle Faktoren noch benötigt. Die Wirtschaften in den einzelnen Regionen benutzten aber unterschiedliche Anteile dieser Faktoren. Es gibt Teile der Welt, die noch stark von der Landwirtschaft abhängen. Andere Teile, wie z. B. die Großstädte und Ballungsräume, hängen eher von Kapital und Wissen ab. Das Silicon-Valley hingegen benötigt auch viele Unternehmensgründer, sog. „Entrepreneure“.

Die folgende Reise durch die Geschichte wurde anhand verschiedener Quellen erstellt [Dav11, Pea15, BA14, Rid10, Wri01] und Wikipedia.

Land

Machen wir einen kleinen Zeitsprung in das erste Zeitalter, als Land der primäre Produktionsfaktor war. Die Landwirtschaft war noch simpel und die Technik sehr einfach. Die Produktionsfaktoren sind das Land, körperliche Arbeit und bei manchen Bauern auch ein Ochse für den Pflug. Wenn keine Seuchen oder andere Krankheiten auftraten, gab es immer genügend Menschen. Daher war Land der limitierende Produktionsfaktor. Je mehr Land jemand kontrollierte, desto reicher konnte er werden. Deshalb waren die Herrschenden daran interessiert, ihren Grundbesitzt möglichst auszuweiten. Es war das Zeitalter der Entdeckung von Amerika, der Suche nach Land und Bodenschätzen, der Eroberung und Plünderung durch den Kolonialismus.

Die katholische Kirche war die dominierende Macht. Aber diese Macht bröckelte. In England herrschte Henry VIII. Dieser konnte mit seiner ersten Frau keinen männlichen Thronfolger zeugen. Er wollte seine Geliebte Anne Boleyn heiraten, die schwanger war. Als ihm die katholische Kirche die Scheidung verweigerte, startete er die englische Reformation und gründete die Kirche Englands. Er machte sich zu deren Oberhaupt und enteignete die katholische Kirche, ließ alle Klöster plündern und abreißen. Die neue dominante Institution, der Nationalstaat, schaffte die alte dominante Institution, die Kirche, ab. Die Macht wurde weltlich.

Henry VIII. sorgte dann mit neuen wirtschaftlichen Gesetzen den Grundstein für die weitere Entwicklung Englands. Er schaffte Zölle ab, standardisierte Maße und Gewichte für besseren Handel, stellte Rechtssicherheit für Eigentum her, begrenzte Handelsbeschränkungen. Mehr Handel ermöglicht eine bessere Arbeitsteilung und Spezialisierung und erzeugt – wie wir gesehen haben – Wohlstand. Auch erlaubte er im Jahr 1545 Zinsen, die laut katholischer Kirche und der Bibel verboten waren. Das war der Grundstein für den Aufstiegs Englands zur führenden Nation, die es bis zum ersten Weltkrieg 1914 blieb.

Zinsen – hier als kurze Anmerkung – drücken das Verhältnis von Geld zu zwei verschiedenen Zeitpunkten aus. Das Geld ist heute X wert und in einem Jahr X plus Zinsen. Wenn heute jemand Geld im Wert von X hat, dann kann er es selber investieren und z. B. Aktien kaufen und damit in einem Jahr einen Gewinn machen X plus Gewinn. Wenn er das Geld einem anderen leiht, verzichtet er auf diesen Gewinn und möchte stattdessen Zinsen haben. Der Zins drückt den Verzicht auf das Geld in der Gegenwart aus. Heutzutage ist das Finanzsystem allerdings stark reguliert, wie später in Abschnitt 11.3 noch erklärt wird.

Deutschland war – im Vergleich zu England – zersplittert, uneinheitlich und wirtschaftlich gehandicapt durch Kleinstaaterei. Die Reformation, die hauptsächlich von Martin Luther, Huldrych Zwingli und Johannes Calvin ab 1517 angestoßen wurde, führte u. a. zum dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648. Der westfälische Friede 1648 war ein wichtiger Meilenstein für die Ablösung der religiösen Macht zu den weltlichen Nationalstaaten, denn der Papst wurde teilweise entmachtet. Aufgrund von Martin Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“ – das Geistliches und Weltliches getrennt sein sollten – verlor die Kirche im Laufe der Zeit weiter weltliche Macht an die weiter aufkeimenden Nationalstaaten. Die Wirtschaft dieser Staaten war hauptsächlich auf Landbesitz und Bodenschätzen begründet. Dieses führte zum Zeitalter des Kolonialismus. Sehr vereinfacht und abstrahiert hatte die Gesellschaft den folgenden Aufbau:

Der Staat wurde von „Beamten“ bewirtschaftet. Das Land war größtenteils in den Händen von Adeligen und wurde von Bauern bewirtschaftet. Der Einfluss der Kirche begann zu sinken. Natürlich gab es damals auch Handwerker, Bäcker, Schmiede, usw., aber das soll ein sehr vereinfachtes Modell sein.

Aufgrund der technologischen Entwicklung wurde die Landwirtschaft allerdings langsam durch das Handwerk und den Handel zurückgedrängt2.

Kapital

In der Zeit von 1500 bis 1750 herrschte in der Wirtschaft der sog. Merkantilismus. Man glaubte damals, dass es Vorteile hat, die Wirtschaft durch sehr viele staatliche Eingriffe „zu lenken“. Im Merkantilismus gab es für jeden Beruf eine sog. Zunft. Eine Zunft war eine Art Interessenverband und regulierte den jeweiligen Beruf genau. Unter anderem war die Anzahl der zugelassenen Anbieter festgelegt, um das Angebot künstlich knapp und den Preis künstlich hoch zu halten. Den Juden war die Mitgliedschaft in den Zünften oft verboten, so dass sie sich neue Berufe suchen mussten. Sie wurden zur Innovation gezwungen. Aufgrund des Zinsverbots war es katholischen Gläubigen und auch katholischen Fürsten und Königen verboten, Zinsen zu nehmen. Juden hingegen durften es und gründeten daher Banken.

Ab 1700 gab es viele technische Erfindungen. Die industrielle Revolution kündigte sich langsam an. Allerdings war der Merkantilismus schlecht für die Wirtschaft. Die Wirtschaft ist ein komplexes System und unmöglich zu „lenken“. Auf der anderen Seite konnten die Nationalstaaten auch damals schon nicht gut mit Geld umgehen. Deshalb brauchten die Nationalstaaten oft Kredite von Banken. Heute gibt es die Zentralbanken, die FED der USA oder die EZB der EU. Mit diesen können sich die Staaten das Geld indirekt über verschlungene Wege „selber drucken“. Damals aber waren sie noch auf richtige Banker angewiesen. Das berühmteste Beispiel ist die Familie Rothschild. Nathan Mayer Rothschild (1777 - 1836) hat z. B. die Feldzüge des Herzogs von Wellington während der Napoleonischen Kriege durch Anleihekäufe der Britischen Regierung finanziert. Diese Anleihen wurden dann innerhalb der weitverbreiteten Familie in Wien, Frankfurt, Paris, usw. verkauft. Damit machten die Kriege der Nationalstaaten die Familie Rothschild reich [Rid10]. Die Familie Rothschild war ein „Entrepreneur“.

Auch der preußische König Friedrich Wilhelm III. musste sich während der Kriege gegen Napoleon Geld leihen. Das geschichtlich Besondere daran ist, dass Nathan Rothschild zur Bedingung für einen Kredit machte, dass er nach dem Krieg Reformen machen musste. Also lief das nach dem Motto „Sie bekommen das Geld nur, wenn …“. Ein Banker machte einem König Vorschriften, das war etwas völlig Neues. Die Banken waren an der Macht. Kapital wurde der limitierende Produktionsfaktor und die Zeit des „Kapitalismus“ hatte angefangen.

Wichtig: Die Banker wurden aufgrund der Finanzierung der Nationalstaaten wohlhabend. Weil die Staaten Schulden machten, konnten die Banken daran verdienen.

Technologisch war es die Zeit der Industrialisierung und der großen Änderungen. James Watt (1736 - 1819) hatte die Dampfmaschine 1769 soweit verbessert, dass sie industriell genutzt werden konnte [BA14]. Vorher war man auf die Kraft von Tieren und Menschen angewiesen. Jetzt gab es Fabriken, Massenproduktion und Eisenbahnen. Der Lebensstandard der Menschen stieg ungemein. Dieses wiederum erzeugte einen starken Bevölkerungszuwachs. Das war vorher in der Geschichte der Menschheit immer ein Rezept für Desaster. Thomas R. Malthus (1766 - 1834) hat als erster das Problem der „Überbevölkerung“ untersucht. Jede Gesellschaft, die über ein starkes Bevölkerungswachstum verfügte, hatte anschließend Probleme, diese Menschen alle satt zu bekommen bzw. genügend Energie für diese Menschen z. B. im Winter zu haben. Aber zum ersten Mal in der Geschichte war genügend Energie vorhanden, um kein Massensterben auszulösen: es gab genügend Kohle, die in Dampfmaschinen zu Energie verarbeitet werden konnte [Rid10]. Auf der anderen Seite gab es hierdurch natürlich auch eine große Umweltverschmutzung, aber „alternative“ Energien waren damals noch nicht erfunden. Und die Menschen früher dachten nur an ihr Überleben.

Aufgrund der vielen Erfindungen gab es sehr viele Änderungen. Und nicht alle Teile der Wirtschaft änderten sich gleichmäßig. Manche Teile waren gesetzlich gegen technologische Innovationen und Änderungen geschützt. Es gab Gewinner und Verlierer. Die Verlierer fordern in der Regel, ein Verbot des Neuen oder zumindest eine Reduzierung.

In einer Gesellschaft bestimmen diejenigen, die über die meisten wichtigen Produktionsfaktoren verfügen. Das waren im ersten Zeitalter, als Land der wichtigste Produktionsfaktor war, die Großgrundbesitzer, d.h. die Adeligen, deren Land von Bauern bewirtschaftet wurde. Die Adeligen verloren Einfluss an die Banker und die Unternehmer als das Kapital der limitierende Faktor wurde. Die Unternehmer wiederum beschäftigten Arbeiter in den Fabriken. Die Gesellschaft sieht jetzt vereinfacht so aus:

Und wir sehen schon, dass die Gesellschaft „komplexer“ geworden ist. Die Banker hatten unterschiedlichen Einfluss auf die anderen Gruppen. Sie waren aber für alle wichtig, weil sie Kapital verleihen konnten. Wichtig hier ist zu sehen, dass sich die Adeligen, die Banker, der Staat und die Unternehmer in einer Konkurrenzsituation befanden. Zwischen diesen „Interessengruppen“ wurde die Macht verteilt. Und es gab natürlich erbitterte „Kämpfe“ zwischen diesen Gruppen.

Der technologische Fortschritt war zwar immens, doch zum Betrieb einer Fabrik benötigte man noch nicht viel Wissen. Man konnte Maschinen kaufen und Produktionsprozesse einfach kopieren. Es war wirklich die Zeit des „Kapitalismus“, denn Kapital war der wichtigste Produktionsfaktor. Heute im Rückblick wird die Industrialisierung häufig negativ beschrieben: Kinderarbeit, Umweltverschmutzung und Ausbeutung. Es wird auch verächtlich von „Manchesterkapitalismus“ gesprochen (oft bei Deutschen auch mit einem Unterton von Neid, weil Großbritannien damals weit voraus war). Natürlich waren die Verhältnisse schlechter als heute, das erkennt man leicht durch einen Blick auf die wichtigsten Faktoren des „Index der gesellschaftlichen Entwicklung“ von Ian Morris. Aber den Menschen ging es oft besser als vor der Industrialisierung und es gab wesentlich mehr Menschen als vorher [Rid10]. Leider entstand die Fotographie erst mit der Industrialisierung, so dass die Menschheit keine objektive Vergleichsmöglichkeit mit der Zeit vor der Industrialisierung hat.

Die Arbeitsbedingungen und das Gehalt eines Arbeiters werden durch seine „Produktivität“ bestimmt. Die Produktivität drückt aus, welcher Wert in einer gewissen Zeit erarbeitet wird. Diese Produktivität hängt aber von der gesamten Gesellschaft ab. Ein Arbeiter kann nur so produktiv sein, wie die Maschinen, die ihn unterstützen. Die Fabrik hängt von den Verkehrsverbindungen und Transportmöglichkeiten, von der Anzahl der qualifizierten Arbeitskräfte usw. ab.

Wichtig: Die Produktivität zu erhöhen, ist ein „ökonomisches Netzwerkproblem“.

Und die Arbeitsbedingungen von Arbeitern waren aus heutiger Sicht sehr schlecht, weil die Produktivität auch noch sehr niedrig war. Ein Beispiel für die Verbesserung der Bedingungen der Arbeiter lieferte Frederick Winslow Taylor (1856 - 1915), der als erster damit begann, die Arbeitsabläufe der Arbeiter genau zu studieren und zu verbessern [Dru94]. Heute würde man sagen „die Produktivität der Arbeiter zu erhöhen“. Wenn Arbeiter mit Hilfe von Maschinen oder durch bessere Arbeitsabläufe oder -bedingungen mehr erledigen können, können sie auch höher bezahlt werden. Taylor nannte seine Methode „Scientific Management“ und sein Ziel war, das die Arbeiter von den Verbesserungen der Produktivität profitieren sollten.

Zu dieser Zeit bildeten sich aber auch verschiedene „Gegenbewegungen“, die eine bessere Gesellschaft und Wirtschaft als der „Kapitalismus“ zum Ziel hatten. Diese „Gegenbewegungen“ hatten hauptsächlich die uneingeschränkte Vision und versuchten das ökonomische Problem mit dem politischen Mittel zu lösen. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben 1848 z. B. das „Kommunistische Manifest“. Marx und Engels teilten die Gesellschaft in zwei Klassen, die sich gegenseitig gegenüber stehen und unterschiedliche Interessen haben: die „Kapitalisten“ und das „Proletariat“ aus Arbeitern und Bauern. Leider haben sie hier die Rolle des Staates, der Arbeiter, der Unternehmer, der Adeligen und der Entrepreneure übersehen. Eine Reduktion auf zwei Klassen ist kein korrektes Modell der damaligen Gesellschaft.

Wissen

Der Fortschritt machte aber weitere Fortschritte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen die Elektrizität und die Verbrennungsmotoren auf. Und während des 20. Jahrhunderts nahm die „Komplexität“ der Unternehmen, der Produkte und der Fertigungsprozesse stetig zu. Aus einfachen Fabriken mit einfachen Maschinen wurden komplizierte Anlagen. Karl Marx befürchtete noch, dass die Arbeiter „verdummen“, weil sie immer einfachere Arbeiten machen mussten. Es entstanden aber aufgrund des technischen Fortschritts komplizierte Maschinen, zu deren Betrieb und Reparatur schon recht viel Wissen erforderlich war [BA14, Rid10].

Und schließlich wurde Wissen der limitierende Faktor. Der Unternehmensberater Peter F. Drucker rief 1994 den „Post-Kapitalismus“ aus [Dru94]. Der Kapitalismus war vorbei. Als Zeitpunkt für den Anfang nennt Drucker die „G.I. Bills of Rights“ von 1944 aus den USA, die den aus dem zweiten Weltkrieg zurückkehrenden Soldaten die Möglichkeit zu einem Studium gab. Dreißig Jahre vorher nach dem ersten Weltkrieg wäre dieses noch undenkbar gewesen, weil es gar nicht genügend Arbeitsplätze für Menschen mit Studium gab. Ein weiterer Meilenstein passierte 1975 als die International Business Machines Corporation (IBM) für eine große Transaktion einfach die Bank wechselte. Das war damals eine Sensation. Heute vergleichen Firmen die Angebote der Banken und wählen pro Transaktion die preiswerteste. Unternehmen haben inzwischen eine höhere Stellung als die Banken. Beim Konkurrenzkampf der Interessengruppen hatten die Unternehmen also gegenüber den Banken aufgeholt. Wissen hatte Kapital als limitierenden Faktor abgelöst.

Wir leben nicht nur in „Wissens- und Informationsgesellschaft“, sondern auch in einer „Wissens- und Informationswirtschaft“. Natürlich gibt es noch „kapitalintensive“ Industrien, bei denen Kapital wichtiger ist als Wissen. Es wird ja auch noch Land für die Landwirtschaft benötigt. Wissen wurde aber der limitierende Faktor. Die Digitalisierung und das Internet haben die Wichtigkeit von Wissen noch verstärkt. Facebook z. B. ist jetzt mehrere Milliarden Dollar wert, hat aber nur mit 500.000 US Dollar externem Fremdkapital angefangen. Das ist weniger als der Preis einer Eigentumswohnung in guter Wohnlage in einer deutschen Großstadt. Man kann also mit wenig Kapital und dem richtigen Wissen sehr viel Geld verdienen.

Entrepreneurship

Wie man aus Wissen Geld macht bzw. Wissen in konkrete Produkte umsetzt, ist die Aufgabe des Unternehmens bzw. des Entrepreneurs. Die ersten Anzeichen für die Wichtigkeit von Unternehmensgründungen lieferte auch Peter F. Drucker 1985 mit seinem Buch „Innovation and Entrepreneurship“ [Dru85]. Das Wort „Entrepreneur“ wird oft unterschiedlich verwendet. Für Peter F. Drucker ist ein Unternehmer ein „Entrepreneur“, wenn er etwas wertvolles und neues macht. Ein Entrepreneur muss seiner Meinung nach kein kleines Unternehmen sein, denn als Beispiel nennt er auch die Imbisskette McDonalds. Ein Entrepreneur muss nach Drucker auch keine kommerziellen Absichten haben, denn er zählt auch Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835) dazu, der 1809 die moderne Universität „erfand“. Auch ein bestehendes Unternehmen kann als „Entrepreneur“ agieren, wenn es etwas „erfindet“ und auf den Markt bringt. Ein „Entrepreneur“ ist also ein „erfinderischer“ Unternehmer oder ein „erfinderisches“ Unternehmen. Das Wort „Entrepreneur“ klingt im Deutschen jedoch leicht snobistisch. Allerdings hat auch das Wort „Unternehmer“ in Deutschland einen negativen Unterton. Es werden damit reiche Männern assoziiert, die in einer Chefetage in großen Bürosesseln sitzen, gekleidet in Anzug und Krawatte. Das klingt zu wenig nach Innovation, Erfindungsgeist, Experiment und Garagenfirma. War Steve Jobs ein Unternehmer oder ein Entrepreneur? Der erste Apple-Computer wurde in einer Garage gebaut. Dieser „Unternehmergeist“ klingt im deutschen Wort „Unternehmer“ nicht mit. Da es kein besseres Wort im Deutschen gibt, wird in diesem Buch daher auch „Entrepreneur“ verwendet.

Laut Ron Davison ist heute in den USA „Entrepreneurship“ der Engpass unter den Produktionsfaktoren [Dav11]. Wissen ist nach wie vor knapp, aber nicht so knapp wie das „unternehmerische Wissen“. Das ist logisch allerdings nicht 100% sauber, denn „Entrepreneurship“ ist das Wissen über Unternehmen und daher eine Teilmenge des „Wissens“. Aber es liegt auch schon ein gewisser Wahrheitsgehalt darin. In Südeuropa z. B., in Spanien und Griechenland, gibt es heute eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Hier fehlen Arbeitsplätze. Die bestehenden Unternehmen müssen neue Arbeitsplätze schaffen oder es müssen neue Unternehmen entstehen. Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist es in diesen Ländern aufgrund gesetzlicher Auflagen zu schwierig, ein Unternehmen zu gründen oder aber es fehlen Menschen mit Wissen in „Entrepreneurship“.

In Deutschland gibt es einige sehr starke internationale Firmen, die sehr viel zur Wirtschaftsleistung beitragen. Laut dem Journalisten Olaf Gersemann steuerten 2013 alleine die drei Firmen BMW, Daimler und Volkswagen gut ein Viertel zu den Gewinnen der 30 Dax-Konzerne bei, rund ein Drittel zu den Umsätzen und annähernd die Hälfte zu den Ausgaben für Forschung und Entwicklung [Ger14]. In Deutschland funktioniert die Wirtschaft daher in großen Teilen noch ohne „Entrepreneurship“. Die großen Firmen ziehen eine Menge Menschen mit. In anderen Ländern, wo erfolgreiche große Firmen fehlen, ist das allerdings nicht so.

Das „unternehmerische Wissen“ kann nicht rein theoretisch an Universitäten oder Schulen gelehrt werden. Es sind Praxiserfahrungen notwendig. Auch ist es wichtig, dass die Gesellschaft ein Scheitern erlaubt. In den USA sind viele Unternehmensgründer erst mit der dritten oder vierten Gründung erfolgreich. Sie probieren mehrere Geschäftsideen aus, bis es funktioniert. In vielen Ländern, wie auch in Deutschland, hat man die Wichtigkeit des „Entrepreneurship“ erkannt. Man konzentriert sich hier aber auf die Unterstützung mit Kapital (sog. Venture-Kapital) oder bei der Unterstützung bei rechtlichen Fragen. Der limitierende Produktionsfaktor ist aber das „Wissen über Entrepreneurship“. In der Schule in Deutschland lernt man nicht, wie man ein eigenes Unternehmen gründet, sondern nur, wie man ein guter Angestellter oder Arbeiter wird 3.

  1. Mehr Informationen zu Ötzi: http://www.mummytombs.com/main.otzi.html.

  2. Land spielt heute in der Politik in Deutschland nur noch eine geringe Rolle. Wenn von einer „Reichensteuer“ die Rede ist, dann ist da in der Regel kein Grundbesitz mit gemeint. Bei Sozialisten und Kommunisten war vor 1918 eine Bodenreform ein primäres Ziel. Es sollte eine gerechte Verteilung von Land erreicht werden. Dieses ist in Deutschland nach beiden Kriegen nicht passiert: 1918 nicht und 1949 auch nicht. Das ist ein Anzeichen dafür, dass Land nicht mehr als wichtiger Produktionsfaktor angesehen wurde. Heute wird in Deutschland Großgrundbesitz im Rahmen der alternativen Öko-Energie sogar indirekt subventioniert: mit jeder Windkraftanlage kann man durch künstlich festgesetzte Strompreise viel Geld verdienen. Je mehr Land jemand hat, desto mehr Windkraftanlagen kann man bauen. Der Ökostrom ist aus diesem Blickwinkel also überhaupt nicht „sozial gerecht“.

  3. In Deutschland wurde 2015 diskutiert, ob ein Fach „Wirtschaft“ in der Schule eingeführt werden sollte. Sofort gab es einen Aufschrei in den Medien. Die Gewerkschaften sagten „Sozialwissenschaft“ wäre wichtiger. Wenn aber Wirtschaft nicht an der Schule unterrichtet wird, dann wird wirtschaftliches Wissen „vererbt“, d.h. von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Kinder aus „wirtschafts-unwissenden“ Familien lernen es in der Schule nicht und auch nicht in der Familie. Daraus folgt eine größere Benachteiligung.

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