Der Mensch

Zwei unterschiedliche Mittel zum Zweck

Der Mensch hat Wünsche und Ziele. Um ein Ziel zu erreichen, muss man einen Weg dahin finden. Man muss entscheiden, mit welchen Mitteln man das Ziel erlangen kann. Das ist nicht immer einfach. Je komplexer die Umgebung ist, desto schwieriger wird es. Wir hatten in Abschnitt 2.5 gelernt, dass eine Aktion in komplexen Systemen immer mehr als eine Auswirkung hat.

Der Soziologe und Ökonom Franz Oppenheimer hat diese Mittel in zwei entgegengesetzte Gruppen eingeteilt [Opp27]:

  • das ökonomische Mittel
  • das politische Mittel

Das ökonomische Mittel ist die eigene Arbeit oder der freiwillige Tausch, denn auf diesen beiden Tätigkeiten begründet sich die Wirtschaft.

Das politische Mittel ist der Einsatz von Gewalt oder Zwang zur Erlangung eines Gutes. Oppenheimer hat es politisches Mittel genannt, weil Güter hauptsächlich durch Kriege und andere militärische Operationen angeeignet wurden (er schrieb das 1927). Unter das politische Mittel fallen auch Steuern und Abgaben.1

Diese Unterscheidung ist minimal und auch ein wenig provokant, erlaubt aber, die Themen des Buches zu gliedern. In diesem Buch werden zuerst nur die ökonomischen Mittel betrachtet. Erst später im letzten Kapitel 11, in dem es u. a. um die Regulierung durch den Staat geht, wird das politische Mittel besprochen. Das politische Mittel kann sowohl „top-down“ als auch „bottom-up“ eingesetzt werden.

Begrenzte Rationalität

Bis in die 70er Jahre hinein haben viele Wissenschaftler angenommen, dass sich Menschen in der Regel vernünftig verhalten und das ihr Denken meistens folgerichtig und logisch ist. Abweichungen hiervon wurden mit starken Emotionen begründet, wie Angst, Liebe oder Hass [Kah12]. In den 70er-Jahren änderte sich das, nachdem sog. Verhaltensökonomen damit begannen ökonomische Entscheidungen aus einem psychologischen Hintergrund heraus zu untersuchen. Und die Forscher fanden heraus, dass das menschliche Denkvermögen ganz anders ist als bisher angenommen. Es gibt einen Teil des Gehirns, der für das „schnelle Denken“ zuständig ist, für Spontanität und Ideen. Wenn einem aber nichts einfällt, dann schaltet sich das „langsame Denken“ ein. Man grübelt und überlegt und versucht sich irgendwie anzustrengen. Aus diesem Grund hat Daniel Kahneman sein Buch auch „Schnelles Denken, langsames Denken“ genannt [Kah12]. Kahneman nennt den schnellen Teil System 1 und den langsamen System 2. Das System 1 erledigt die Alltagsaufgaben, wie z. B.

  • Verstehen von einfachen Sätzen Sprache im Alltag
  • Räumliches Sehen
  • Auto fahren in ruhigen Verkehrssituationen
  • Antrainiertes Verhalten und auswendiggelerntes Wissen
  • Das von Tieren vererbte angeborene Verhalten, wie z. B. Wegrennen bei Feuer

Das System 1 arbeitet automatisch und schnell. Die Benutzung strengt den Menschen nicht an. Es ist ständig in Betrieb. Der Mensch kann es auch nicht kontrollieren. Man kann z. B. das Sprachverstehen nicht ausschalten. Wenn man nicht hören will, was jemand sagt, muss man sich die Ohren zuhalten. System 1 kann trainiert werden. Man kann neue Sprachen lernen und nach einiger Übung diese sofort verstehen, ohne groß nachzudenken. Der Energieverbrauch sinkt dann auch und man kann länger zuhören ohne zu ermüden. Da System 1 immer automatisch läuft, ist es schwierig, Fehlentscheidungen zu bemerken. Manchmal entscheidet es so schnell, so dass sich der Mensch gar nicht bewusst ist, dass da überhaupt eine Frage beantwortet wurde.

Das System 2 führt das langsame und systematische Denken durch. Es benötigt Konzentration und kann von außen gestört werden. Dieses Denken verbraucht Energie, es ist auf Dauer anstrengend. System 2 ist für die Selbstkontrolle des Menschen verantwortlich. Wenn man sich bei Ärger zusammenreißen kann, wurde das mit System 2 gemacht. Mit Hilfe des System 2 kann man das System 1 auf bestimmte Sachen fokussieren bzw. „programmieren“, wie z. B. auf Fotos eine bestimmte Person zu suchen oder auf Wimmelbildern bestimmte Gegenstände. Wenn jemand „Pass mal auf“ oder „Hör mal genau zu“ sagt, dann möchte er erreichen, dass derjenige sich mit dem System 2 voll konzentriert.

Die beiden Systeme sind grundsätzlich aktiv. System 1 arbeitet immer, System 2 ist normalerweise im Schlafzustand und wird nur bei Bedarf aktiviert. Man wacht dann evtl. mit einem Schrecken auf „Huch, was war das für ein Geräusch?“. Man kann die Fehler von System 1 leider nicht ausschalten. Man kann sein System 2 nur darauf aufmerksam machen, dass es alles genau überprüft, wie z. B. beim Lösen einer Rechenaufgabe mit vielen Zahlen. Man kann allerdings sein System 1 langsam umtrainieren. Zusammengefasst kann man sagen: das System 1 führt heuristische Arbeit durch, das System 2 führt systematische Arbeit durch [Pea15].

Wichtig: Der Mensch verfügt nur über eine begrenzte Rationalität („bounded rationality“).

Der Mensch verhält sich aus seiner Sicht vernünftig, ist aber durch sein Gehirn eingeschränkt. Der Grad der Rationalität hängt auch davon ab, wie viel Zeit ein Mensch zum Lösen einer Aufgabe hat. Wenn es sehr schnell gehen muss, benutzt der Mensch System 1 und es besteht die Gefahr, dass er zwar etwas „Intuitives“, aber etwas Falsches tut. Wir werden hierauf später in Kapitel 8 wieder zurückkommen, um die Frage beantworten zu können, ob Künstliche Intelligenz und Roboter die Menschen ersetzen werden können.

Spieltheorie und menschliches Verhalten

Beim Kinderspiel „Schere, Stein, Papier“ bzw. „Schnick, Schnack, Schnuck“ spielen zwei Kinder gegeneinander. Jedes Kind kann mit seiner Hand eine Schere, einen Stein oder Papier symbolisieren. Die Schere entspricht zwei gespreizten Fingern, der Stein einer Faust und das Papier einer flachen Hand. Das Spiel wird meistens in mehreren Runden gespielt. Beide Kinder zeigen sich gleichzeitig ihre Hände nach dem sie einen Vers wie z. B. „Schnick, Schack, Schnuck“ gesagt haben. Der Gewinner der Runde wird nach den folgenden Regeln ermittelt: Schere schneidet Papier, Papier umwickelt Stein, Stein schleift Schere. Solche Spiele kann man als Tabelle bzw. mathematisch ausgedrückt als eine Matrix darstellen:

In den Zeilen werden die Möglichkeiten des ersten Spielers und in den Spalten die Möglichkeiten des zweiten Spielers dargestellt. In jeder Zelle sind zwei Zahlen aufgeschrieben: die erste ist der Gewinn für den ersten Spieler, die zweite ist der Gewinn für den zweiten Spieler. Wenn Spieler A „Stein“ wählt und Spieler B „Schere“, dann führt das zum obersten grauen Feld in der rechten Spalte mit dem Inhalt „1 -1“. Das bedeutet, das Spieler A 1 gewinnt und Spieler B 1 verliert. Gewinn ist hier durch eine 1 und Verlust durch eine -1 formalisiert.

Dieses Spiel ist ein einfaches Beispiel für Spiele, mit der sich die Spieltheorie befasst. Allen diesen Spielen ist gemein, dass zwei Spieler die gleichen Aktionen zur Verfügung haben und sich nicht miteinander absprechen können. In der Spieltheorie hat man sich z. B. gefragt, ob es beim obigen Spiel eine Strategie gibt, mit der ein Spieler den anderen besiegen kann? In der Spieltheorie untersucht man Spiele mit logischen und mathematischen Methoden. Diese mathematische Spieltheorie ist eine normative Theorie, die optimale Strategien ermittelt. Wie sich „richtige“ Menschen aber bei solchen Spielen verhalten, ist Gegenstand der „verhaltensbasierten Spieltheorie“ („behavourial game theory“) [Gin14]. Die Spieltheorie ist eine analytische Methode zur Untersuchung von sozialen Interaktionen. Sie gilt für alle lebenden Organismen, daher findet die Spieltheorie auch Anwendungen in der Biologie, der Ökonomie, der Informatik, der Künstlichen Intelligenz, der Psychologie und der Soziologie.

Das Kinderspiel „Schere, Stein, Papier“ ist ein sogenanntes Nullsummenspiel. Der Gewinn des einen Spielers ist der Verlust des Anderen. Solche Nullsummenspiele kommen in der Realität oft vor, wie z. B. bei Wettbewerb. Im Sport gewinnt der eine immer auf Kosten des anderen. Wenn zwei Firmen in der Wirtschaft z. B. ein sehr ähnliches Produkt anbieten, befinden sie sich in einem Nullsummenspiel. Jeder zusätzliche Verkauf geht auf Kosten des Wettbewerbers. In manchen Ländern ist das „Feilschen“ um den Preis erlaubt. In einem Schuhgeschäft kann man dann z. B. einen geringeren Preis verlangen als auf dem Preisetikett steht. Dieses „Feilschen“ ist auch ein Nullsummenspiel. Der eine gewinnt auf Kosten des anderen.

Das Gefangenendilemma ist ein Beispiel für ein Nicht-Nullsummenspiel [Fre14]. Zwei Personen A und B werden zusammen bei einem Einbruch von der Polizei erwischt und werden in getrennte Zellen gesteckt. Sie können nicht miteinander kommunizieren. Beide sollen von der Polizei verhört werden und das Strafmaß hängt davon ab, ob sie Gestehen oder nicht. Die folgende Tabelle drückt das Spiel aus:

Die Beweislage ist recht dünn und wenn beide Spieler schweigen, dann werden sie beide für nur zwei Jahre eingesperrt. Wenn beide Spieler gestehen, werden sie beide für fünf Jahre eingesperrt. Wenn nur ein Spieler gesteht, der andere aber schweigt, geht der Gestehende nur für ein Jahr ins Gefängnis und der Schweigende verbringt zehn Jahre hinter Gittern.

Was sollen die Spieler machen? Im Gegensatz zum vorherigen Spiel „Schnick, Schnack, Schnuck“ spielen die Spieler nicht gegeneinander, sondern sie würden profitieren, wenn sie kooperieren. Es ist ein Nicht-Nullsummenspiel. Am klügsten ist es zu schweigen. Aber dann besteht die Gefahr, dass der Andere einen „in die Pfanne haut“, da ein Jahr Gefängnis besser sind als zwei Jahre. Kann der Spieler dem anderen Spieler vertrauen? Es ist ein Dilemma. Das Gefangenendilemma ist ein Beispiel, bei dem sich Egoismus nicht auszahlt. Denn wenn beide egoistisch handeln, sind beide auf jeden Fall schlechter dran, als wenn sie sozial handeln und kooperieren.

Das Gefangenendilemma lässt sich zu folgender Tabelle verallgemeinern:

Die beiden Spieler können kooperieren oder boykottieren [Sig09]. In den Zellen gibt es vier verschiedene Werte:

  • Belohnung R („reward“) für Kooperation
  • Bestrafung P („punishment“) für Boykott
  • Versuchung T („temptation“)
  • Trottelprämie S („sucker’s payoff“)

Hiermit lassen sich sehr viele Spiele mit formulieren. Wenn T > R > P > S gilt, dann ist es eine Variante des Gefangenendilemmas.

Solche Dilemmas tauchen in der Welt häufig auf. Ein bekanntes Beispiel ist der „kalte Krieg“ in den 80er-Jahren zwischen dem Westen und dem Ostblock. Damals stand man vor der Frage, ob man Aufrüsten sollte, also mehr Atomwaffen herstellen und installieren sollte, oder ob man Abrüsten sollte? Kooperation ist in diesem Beispiel Abrüsten und Boykott ist Aufrüsten.

Ein weiteres Spiel ist die Hirschjagd [Sky03]. Stellen wir uns zwei prähistorische Höhlenmenschen vor, die überlegen, was sie heute jagen sollen für ihre Familien. Geht jeder alleine für sich los, kann jeder zwei Hasen jagen, die zwei Menschen satt machen. Tun sie sich zusammen können sie einen Hirsch jagen, der 10 Personen satt macht. Wenn der eine Hirsche jagen möchte, der andere aber Hasen, dann gibt es nur zwei Hasen zu essen. Die folgende Tabelle beschreibt das Spiel:

Auch hier sind die beiden durch Kooperation besser gestellt. Hier ist R > P = T > S.

Beim Gefangenendilemma oder bei der Hirschjagd macht es einen großen Unterschied, ob man das Spiel einmal, zweimal oder beliebig oft spielt [Gin14, Sig09, Sky03]. Denn Menschen haben ein Gedächtnis und vergessen es nicht, wenn der Mitspieler einen unfair behandelt. Was würde passieren, wenn der eine Einbrecher im Gefangenendilemma nach zehn Jahren wieder aus dem Gefängnis kommt. Würde er Rache wollen? Würde er den gleichen Fehler nochmal machen? Menschen merken sich auch, wer jemanden gut behandelt und bilden Freundschaften. Bei der Hirschjagd sieht man förmlich Freundschaften entstehen, weil das gemeinsame Jagen große Vorteile hat.

Welche Strategie ist für ein beliebig oft wiederholtes Spiel optimal?

Aus mathematischer Sicht ist es am besten, wenn man im ersten Zug kooperiert und anschließend immer das macht, was der Gegenspieler gemacht hat. Man „kopiert“ das Verhalten des Gegenspielers. Diese Strategie wird „Tit for Tat“ genannt. Aber Menschen sind nur begrenzt rational. Die verhaltensbasierte Spieltheorie hat untersucht, wie Menschen sich in Wirklichkeit verhalten [Gin14]. Wenn jemand immer nur seinen eigenen Vorteil maximiert, dann ist er egoistisch („self-regarding“). Eine andere Bezeichnung für solche Menschen, die keine Mitgefühle mit anderen haben und keine Rücksicht auf die Situation der anderen nehmen, ist Soziopath. Das Gegenteil davon, wenn jemand immer den Vorteil des anderen maximiert, ist aufopfernd („other-regarding“) bzw. altruistisch kooperierend. Wenn sich der Gegenspieler als Egoist erweist, kann man ihn im nächsten Zug bestrafen, indem man auch nicht kooperiert. Wenn ein Spieler bereit ist, für die Strafe auch eigene Nachteile in Kauf zu nehmen, nennt man es „altruistische Bestrafung“.

Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Menschen in der Regel bedingte Kooperatoren und altruistische Bestrafer sind [Gin14]. Sie neigen normalerweise zur Kooperation, bei Fehlverhalten aber, wenn jemand gegen soziale Normen verstößt und egoistisch ist, neigen sie zur altruistischen Bestrafung.

Wichtig: Die meisten Menschen sind bedingte Kooperatoren und altruistische Bestrafer.

Ein kleiner Teil von Menschen allerdings hat auch eine Abneigung gegen Ungleichheit („inequality aversion“). Diese Menschen handeln so, dass möglichst wenig Ungleichheit entsteht. Wenn diese Menschen sich selber durch Ungleichheit benachteiligt sehen, neigen sie allerdings zu stärkeren Maßnahmen, als wenn sie selber andere benachteiligen.

Menschen sind also weder die selbstlosen Altruisten der utopischen politischen Theorien noch die Egoisten der Wirtschaftswissenschaften. Sie suchen Win-Win-Situationen und bestrafen diejenigen, die sich anders verhalten.

Zwei Visionen der Menschheit

Es gibt sehr viele verschiedene „Theorien“ über die ideale menschliche Gesellschaft und wie mit Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Macht und Rechten umzugehen ist. Beispiele hierfür sind der Sozialismus, der Kommunismus und der Anarchismus. Streng wissenschaftlich darf man diese politischen Weltanschauungen eigentlich nicht „Theorien“ nennen, weil eine Theorie wissenschaftlich bewiesen sein muss. Diese politischen „Theorien“ sind eher Vermutungen oder Hypothesen. Interessanterweise vertragen sich viele dieser „Theorien“ nicht miteinander. Nicht nur, dass sich sehr unterschiedliche Theorien, wie z. B. der Sozialismus und die Marktwirtschaft, nicht miteinander vertragen, sondern auch spezielle Untergruppen dieser Richtungen weisen große Unterschiede auf.

Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Sowell hat diese verschiedenen „Theorien“ auf zwei unterschiedliche „Visionen“ zurückgeführt [Sow07]:

  • die uneingeschränkte Vision („unconstrained“)
  • die eingeschränkte Vision („constrained“)

In der uneingeschränkten Vision ist der Mensch im Prinzip gut. Er wird aber durch die Umstände und die Gesellschaft nicht dazu angeleitet, diese „Güte“ auch im realen Leben zu zeigen. Menschen sind verbesserbar, „perfektionierbar“. Im Prinzip wären die Menschen in der Lage, perfekte moralische Menschen zu werden, die nur an das Allgemeinwohl denken und altruistisch sind. Dieses Ideal ist auch auf der Erde durchsetzbar, der Himmel auf Erden ist zu erreichen. Und es dürfen keine Opfer und Kosten gescheut werden, um dieses Ziel zu erreichen. Die Kosten werden oft mit Sprüchen wie „Das ist eben der Preis der Gleichheit“ gerechtfertigt. Da die Kosten egal sind, sehen sich die Vertreter dieser Version selten zu Kompromissen bereit. Als typisches philosophisches Werk nennt Sowell hier „Enquiry Concerning Political Justice“ von William Godwin (1756 - 1836) von 1793. William Godwin hat menschliche Handlungen nach zwei Kriterien eingeteilt: Ob es absichtliche oder unabsichtliche Handlungen waren und ob das Ergebnis gut oder schlecht war [Sow07]. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick:

Wenn man absichtlich Gutes tut, ist es Tugend. Absichtlich etwas Schlechtes zu tun ist ein Laster. Unbeabsichtigt kann man bei Godwin nur schlechtes tun. Für Godwin gab es kein unbeabsichtigtes Gutes. Dabei ist das unbeabsichtigte Gute eine emergente Eigenschaft des Systems. Es entsteht „bottom-up“ der durch Win-Win-Situationen suchende Menschen. Es ist mehr als die Summe seiner Teile. Auch heute noch sehen Menschen, die die uneingeschränkte Vision verfolgen, oft die Existenz dieser „bottom-up“-Dynamik nicht.

In der eingeschränkten Vision hingegen ist der Mensch nicht wesentlich verbesserbar, er ist meistens egoistisch, manchmal altruistisch. Der Mensch ist moralisch nicht vollkommen, manche Menschen sind sogar unmoralisch. Mit diesen Einschränkungen muss eine Gesellschaft rechnen und entsprechende Institutionen bereitstellen, um damit umzugehen, wie z. B. ein Rechtssystem und die Polizei. Die Gesellschaft muss auch Anreize für gutes Verhalten haben, damit sich die Gesellschaft insgesamt trotzdem positiv entwickeln. Als Beispiel hierfür nennt Sowell „The Theory of Moral Sentiments“ von Adam Smith (1723 - 1790) von 1759.

Die beiden großen Revolutionen des 18. Jahrhunderts kann man als Realisierung dieser beiden Visionen sehen: die uneingeschränkte Vision hinter der französischen Revolution von (1789-1799) und die eingeschränkte hinter der amerikanischen Revolution (1763 - 1789).

Im Laufe des Buches wird die eingeschränkte Vision noch genauer behandelt.

  1. Franz Oppenheimer sah sich selbst als liberalen Sozialisten und für ihn war der Staat „nichts anderes als das politische Mittel in seiner Entfaltung“. Davon sind die meisten heutigen Sozialisten natürlich weit entfernt. Im Gegenteil, sie sehen den Staat als das Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele an, wie z. B. die Umverteilung und die Gleichheit. Das Franz Oppenheimer aber damals nicht als Extremist galt, sieht man daran, dass Ludwig Ehrhard ein Schüler war. Ludwig Erhardt gilt als „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ und als Begründer der „sozialen Marktwirtschaft“. Er war von 1949 - 1963 Bundesminister für Wirtschaft und von 1963 bis 1966 sogar deutscher Bundeskanzler.

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